BESCHÄFTIGUNG – Die richtige Balance

… von Ines Scheuer:
Dass Border Collie, Australian Shepherd und viele Jagdhunderassen zu den „Workaholics“ gehören, wissen mittlerweile auch viele Nicht-Hundebesitzer. Herrchen und Frauchen, die einen Hund dieser Rasse besitzen, können ein Lied davon singen. Von allen Seiten hört man: „Den musst Du aber sicher 5 Stunden am Tag beschäftigen, damit er ruhig wird“ oder „Die braucht sicher vieeeel Arbeit“… Schnell sind viele Hundehalter verunsichert und fragen sich „Wie viel Beschäftigung muss ich meinem Hund bieten?“, „Wie viele Stunden täglich muss er beschäftigt werden?“ und „Wie soll der „Stundenplan“ für so einen Hund aussehen…?“

Eines ist klar, Hunde wollen und müssen beschäftigt werden, sonst entwickeln sich häufig Verhaltensprobleme. Doch was ist das richtige Maß? Was ist zu viel, was ist zu wenig und wo liegt die goldene Mitte?
Leider geht der Trend heutzutage nicht nur zur Unterbeschäftigung, sondern auch zur Überbeschäftigung: Montags Agility, dienstags Junghundegruppe, Mittwoch
Fahrradfahren, Donnerstag Training in der Innenstadt, Freitag Raufergruppe und am Wochenende ein Kurzurlaub mit Hundewellness… Nur allzu schnell geraten viele
Hundehalter in eine „Bespaßungsspirale“.
Der Hundebesitzer hat sofort ein schlechtes Gewissen, wenn er einmal einen Tag gar nichts mit dem Hund unternimmt oder „nur“ Gassi geht. Der Hund ist nicht allzu oft überfordert von seinem Programm und den damit verbundenen Ansprüchen. Mal so richtig „Hund sein“ steht nur noch selten auf der Tagesordnung. Ganz schnell wird vergessen, wie schön es doch eigentlich sein kann, gemeinsam durch die Natur zu streifen, sich an der Umwelt zu erfreuen und einfach mal das Beisammensein zu genießen…

DER ANSPRUCH AN DEN HUND VON HEUTE
Die gesellschaftlichen Ansprüche an Hund und Halter sind in den letzten Jahren stark gestiegen, denn Hunde „müssen“ sich in jeder Situation zu benehmen wissen. Sie sollen Heerscharen von Kindern ohne Murren ertragen können, sauber und anständig sein und das alles möglichst ohne viel Aufwand und Training. Früher holte man sich Hunde, um Haus und Hof zu bewachen. Heute soll der Hund „Zaungäste“ freundlich begrüßen. Ein bellender Hund ist in einer Wohnsiedlung nur noch selten gern gesehen. Dies kann für Hund und Herrchen, der das in der Pflicht steht, seinen Hund zu einem unauffälligen Begleiter „zu erziehen“, ziemlich anstrengend sein.
Unsere Hunde leisten heute im Alltag, allein durch die Anpassung an unser Leben, schon Einiges, wir sollten das zu schätzen wissen!

WENIGER IST OFT MEHR
Betrachten wir die Vergangenheit einmal ganz überspitzt: Vor 30 Jahren hatten die
wenigsten Arbeitshunderassen ein Leben wie unsere Hunde heute. Jagdhunde lebten im Zwinger und durften nur zum Arbeiten raus. Nur selten wurden sie täglich mehrere Stunden eingesetzt. Die wenigsten Jäger nahmen zu dieser Zeit ihre Hund mit in die Innenstadt.
Viele unserer Hunde unterliegen heute einem strammen Programm, mit dem sie erst einmal zurecht kommen müssen. Oft ist es die Angst motivierter Hundebesitzer, dem Hund zu wenig zu bieten, sowie der Irrglaube „Nur ein erschöpfter Hund, sei ein gehorsamer Hund“, die zum Beschäftigungsdilemma führen. Der Hund wird gepusht, überfordert und vor Ansprüche gestellt, denen er nicht immer standhalten kann. Die Folge kann Dauerstress bei Hund und Herrchen sein. Weniger ist da oft mehr.

Ein weiterer Irrglaube ist, dass Hunde nach einem vollen Tag sofort auf ihre Plätze
verschwinden und bis zum nächsten Tag erschöpft schlafen. Falsche Beschäftigung und Bewegung können durchaus anregend wirken. Der Hund findet nicht die Ruhe, die er braucht, und ein Teufelskreis beginnt.
Ausreichende Ruhe und Entspannungszeiten sind wichtig, damit der Hund zufrieden und ausgeglichen ist. Meine Erfahrung als Hundetrainerin ist, dass viele Verhaltensprobleme nicht zuletzt aus fehlenden Ruhezeiten resultieren. Aber nicht nur Dauerbeschäftigung, auch unpassendes Training mit zu viel Druck und zu hohen Erwartungen seitens der Bezugspersonen oder Trainer sowie ständig anhaltende Kommandogebung führen zu Stress. Wir sollten uns viel mehr auf die ganzen tollen Fähigkeiten, die unser Hund hat,
konzentrieren und die gemeinsame Zeit, die wir haben, genießen, als dauernd verbissen ein Trainingsziel im Sinn zu haben.

STRESS
Zu wenig Beschäftigung, zu wenig Reize, aber auch zu viel Beschäftigung und Überreizung führen zu Stress. Man erkennt akuten Stress an einer Vielzahl an Verhaltensreaktionen.
Dazu gehört zum Beispiel Unruhe und Nervosität, übermäßiges Hecheln, extreme Reaktion auf Umweltreize oder übermäßiger Kot- und Urinabsatz.
Dauerstress ist ein Zustand, der mit einer inneren Erkrankung gleichzusetzen ist. Der Körper gerät durch Ausschüttung von Stresshormonen (Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin) in einen Ausnahmezustand. Langanhaltender oder starker Stress kann zu vielerlei körperlichen Problemen führen. Stress schwächt das Immunsystem, bringt den Magen-Darm Trakt aus dem Gleichgewicht und kann zu Nieren-, Kreislauf- und/oder Herzerkrankungen führen. Auch Hyperaktivität, gesteigerte Aggressionsbereitschaft oder depressive Verstimmungen können die Folge von zu viel Stress sein.

Deshalb ist es wichtig, dass sich Beschäftigung- und Ruhe- bzw. Entspannungsphasen die Waage halten. Das können wir Menschen sicher gut nachvollziehen, oder? Mein Buchtipp zu diesem Thema: Stress beim Hund von Martina Nagel, Animal Learn Verlag

BESCHÄFTIGUNG – WIE MACHE ICH ES RICHTIG?
Zunächst ist es wichtig, die eigenen Interessen etwas zurückzuschrauben und genau zu beobachten, was dem eigenen Hund eigentlich gefällt. Nicht jeder Hund sieht einen Sinn im Mantrailing, nicht jeder Hund ist für Agility geeignet und manchen Hunden reicht es völlig, gelegentlich ein paar Tricks zu lernen. Wir sollten unsere Hunde genau beobachten, was ihnen wirklich liegt und uns ihnen zu Liebe auch einmal auf neue Aufgaben einlassen.

Besonders wichtig bei der Wahl der passenden Beschäftigungsart ist, eine entspannte Atmosphäre. Unsere Hunde werden es uns danken, wenn wir unseren Ehrgeiz zu Hause lassen und uns voll und ganz auf ihre wunderbaren Fähigkeiten – fern von allen Prüfungsregeln – einlassen. Der gemeinsame Spaß sollte an erster Stelle stehen. Bei der Beschäftigung in der Gruppe ist es wichtig, dass unsere Hunde sich in Anwesenheit der anderen Hunde und Menschen wohl fühlen – auch Hunde, die es nicht so gerne mögen, wenn Fremde ihnen „auf den Pelz rücken“, können so mit ausreichend Abstand Freude am Training haben.
Wir dürfen durchaus kreativ bei der Wahl der Beschäftigung unserer Hunde sein. Reine körperliche Auslastung z.B. durch Fahrradfahren, macht die wenigsten Hunde zufrieden und müde. Auch monotones Ballwerfen ist für die meisten Hunde nicht geeignet – es fördert stereotype Verhaltensweisen und kann durch die sich immer wiederholenden Bewegungsmuster zum Suchtverhalten führen.

Doch es gibt viel mehr Möglichkeiten als nur rein jagdlich motivierte Objektspiele mit dem Hund zu machen. Ein paar Minuten Kopfarbeit sind da weitaus effektiver. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, solange der Hund Freude dabei hat. Suchspiele, „Geschenke“ auspacken und kleine Tricks finden die meisten Hunde spannend und steigern das Selbstwertgefühl des Hundes. Wie
wäre es, dem Hund kleine Aufgaben im Haushalt zu geben z.B. die Fernbedienungen bringen, Wäsche sortieren und Plastikflaschen aus dem Keller holen. Auch Nasenarbeit ist eine schöne Besch äftigung – nicht nur für Jagdhunde. Probieren Sie einfach mal aus, ob Fährtenarbeit, Geruchsunterscheidung oder vielleicht Dummytraining Ihrem Hund und Ihnen gefallen.

JEDES YING BRAUCHT AUCH AUCH EIN YANG…
Denken Sie bei Training und Beschäftigung immer daran, auf Stresssignale zu achten und genügend Entspannungspausen zu machen.
Ihr Hund ist ein Individuum – auch wenn er einer bestimmten Rasse angehört. Nur Sie können herausfinden, wie viel Beschäftigung und Arbeit ihr Hund wirklich braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Genießen Sie die Zeit mit ihrem Hund und machen Sie mal wieder einfach „nur“ einen entspannten Spaziergang mit ihrem besten Freund.

Ines Scheuer, Hundeschule Hunting Noses

Die Autorin

Ines Scheuer lebt und arbeitet als Hundetrainerin in Erlangen (Hunting Noses).
Sie absolvierte ihre Ausbildung zum International Dogtrainer bei Sheila Harper (GB) und befindet sich aktuell in der Ausbildung zur CumCane Trainerin. Sie studierte Soziologie und Pädagogik. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie zum Thema „Soziologische Aspekte der Hundehaltung“. Ines Scheuers große Leidenschaft ist die Arbeit mit Jagdhunden, das Training für jagdlich motivierte Hunde und alle Beschäftigungsmöglichkeiten rund um den Einsatz der Nase des Hundes.

Autorin:
Ines Scheuer, auch Autorin auf www.easy-dogs.net
www.hunting-noses.de


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