Selbstverantwortung und bewusste Entscheidungen in der Hundeerziehung

(c) Foto Gü Almberger

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor. Frau Müller geht im Dämmerlicht mit ihrem Schäferhund spazieren. Dieser ist aufgeregt und zieht an der Leine. Sie trifft bei dem Spaziergang auf Ihren Nachbarn. Der Schäfer erschrickt und bellt ihn an. Der Schäferhund führt sich nicht gerade gut erzogen auf. An ein Gespräch ist eigentlich gar nicht zu denken, dennoch sucht Frau Müller das Gespräch mit dem Nachbar, entschuldigt sich für das Benehmen des Hundes und zerrt an ihm rum.

Was mag wohl gerade in dem Hund vor sich gehen?

Vielleicht bellt er gerade, um sie vor der großen Gestalt zu warnen – sein instinktives Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Vielleicht zieht der Hund an der Leine, weil er schlicht und ergreifend aus der Situation raus will – schnell an der Stelle mit dem komischen Nachbar vorbei, bei der Frauchen sich immer innerlich aufregt. Und dann bleibt sie auch noch stehen, um sich dem Nachbarn zu erklären, anstelle weiter zu dem tollen Platz mit den vielen Hundegerüchen zu gehen, zudem er ganz schnell hin wollte.

Und was geht in Frau Müller vor?

Frau Müller ist es doch so wichtig, einen guten Kontakt mit dem Nachbar zu haben, sie möchte keinen Streit und nun führt sich ihr Hund so ungut auf. Sie weiß ja, was in ihm vorgeht, aber dennoch ist da die innere Stimme „kann er sich denn nicht mal benehmen. Und so richtig zuhören, kann ich auch nicht. Was soll bloß der Nachbar von mir denken?“ Ihre Stimmung kippt – Spannung entsteht. Sie „faucht“ ihren Hund an und zerrt an der Leine.

In diesem Beispiel mit dem Nachbarn liegen zwei Ansprüche von ihr im Konflikt miteinander: Der Anspruch in Freundlichkeit und Harmonie mit dem Nachbarn zu sein und der Wunsch dem Hund ein artgerechtes und faires Leben zu ermöglichen. Beide Ansprüche haben ihre Berechtigung für Frau Müller – nur scheint es in der konkreten Situation schwer beide unter einen Hut zu bringen.

Innerer Konflikt

Sehen wir uns doch diesen inneren Konflikt einmal genauer an. Frau Müller möchte in Kontakt sein mit Ihrem Nachbarn, wünscht sich ein harmonisches Miteinander und möchte insbesondere nicht ausgeschlossen werden, weil sie einen Hund hat, der nicht gehorcht, anders ist.  Ein Blick ihres Nachbarn reicht, damit sie sich einfach ungut in der Situation fühlt – als schlechte Hundehalterin sieht. Ihre innere Stimmung kippt auf einen Alarmzustand.

Und sie wäre doch so gerne eine verständnisvolle gute Hundebesitzerin. Sie möchte den Bedürfnissen ihres Hundes Achtung schenken. Gerne würde sie verstehen, was in ihm vorgeht und entsprechend seiner Bedürfnisse handeln. Sie möchte einfach alles richtig machen. Doch anstelle dessen, angetriggert durch den inneren Alarmzustand, schießt sie einen strafenden Blick in Richtung Hund. Ein viel zu heftiges Nein in Verbindung mit einem Leinenruck kommt aus ihrem Mund. Frau Müller kann nicht mehr souverän und ruhig mit ihrem Hund umgehen. Womöglich lernt er sogar, dass solch eine Situation für ihn gefährlich ist, weil der Leinenruck schmerzt. Also wird er  beim nächsten Mal noch mehr oder heftiger Bellen, um den Nachbarn abzuwehren und sich in Sicherheit zu bringen.

Möglich wäre es auch gewesen, dass Frau Müller den Nachbarn ignorieren, um dem Hund mehr Sicherheit in der Nähe des Nachbarn zu vermitteln. Sie wäre damit den Bedürfnissen ihres Hundes gerecht geworden. Aber das hätte ihr Bedürfnis nach Kontakt mit dem Nachbar nicht befriedigt. So würde sie den Spaziergang auch mit einem unguten Gefühl fortsetzten. . So oder so ist Frau Müller nach dem Spaziergang unzufrieden.

Erst eine innere Auseinandersetzung mit den eigenen dahinter liegenden Gefühlen und Bedürfnissen ermöglicht ein entspanntes und gelassenes Umgehen mit der Situation.

Hier zeigen sich zwei Seelenanteile in Frau Müller. Im ersten Moment widersprechen sich diese Anteile: eine freundliche Nachbarin zu sein und eine gute Hundebesitzerin zu sein. Dieser Konflikt zwischen den beiden Anteilen lässt Emotionen entstehen, sodass sie die Situation nicht mehr besonnen und ruhig betrachten kann, geschweige denn ruhig handeln kann. Aber beide Anteile möchten auch, dass es Frau Müller gut geht – dass ein harmonisches Miteinander möglich ist.

Die Reflektion der Situation

ermöglicht das Erkennen der zwei Anteile in ihr. Dadurch kann  Frau Müller die Situation für sich neu bewerten. Sie erkennt, dass es ihren

(c) Foto Gü Almberger

beiden Anteilen um Harmonie geht. Sie kann auch die verschiedenen Stärken der Seelenanteile sehen. Eine freundliche Nachbarin wendet sich dem anderen zu, hat ein Gespür für die Bedürfnisse des anderen. Was ist, wenn sie diese Stärke für den Kontakt mit dem Hund nutzt? Dann kann sie die Bedürfnisse ihres Hundes nach Abstand  erkennen und den Hund darin unterstützen.

Eine gute Hundebesitzerin ist klar und entspannt in ihrer Kommunikation. Sie kann Grenzen deutlich aber freundlich setzen. Könnte sie dies nicht nutzen, um dem Nachbar klar und ruhig zu vermitteln, dass sie das Gespräch ein anderes Mal in Ruhe fortsetzen möchte?

Übernehmen Sie die Verantwortung

Jedes Mal wenn sie in der Zukunft in eine vergleichbare Situation kommt, kann sie bewusst die Verantwortung übernehmen, was sie machen möchte, was ihr in dem Moment wichtiger ist.

Wenn ihr der Kontakt jetzt gerade wichtig ist, dann kann sie bewusst ins Gespräch kommen und sollte sich aber bewusst sein, dass sie nun ihrem Bedürfnis für Ihren Hund eine gute und verantwortungsvolle Besitzerin zu sein jetzt nicht nachkommen kann. Das Wissen über ihren inneren Zustand ermöglicht es ihr nun die Situation besser einzuschätzen. Ihr Körper reagiert auch nicht mehr mit einem Alarmzustand. Sie braucht ihre Unzufriedenheit – ihre ungute Emotion nicht mehr am Hund ablassen, nicht mehr an ihm herumzerrt und mit ihm schimpft. Sie kann besonnen und ruhig bleiben. Ihrem Hund kann sie zu einem späteren Zeitpunkt eine verantwortungsvolle Hundebesitzerin sein und dennoch kann sie freundlich bleiben.

Aus Hundesicht ist es sicherlich richtiger, sich erst einmal mit dem Training des Hundes zu beschäftigen. Dadurch kann der Hund lernen ruhiger und entspannter am Nachbarn, an Menschen vorbei zu gehen. Dann aber sollte sie sich bewusst sein, dass sie ihrem Bedürfnis „in Kontakt mit dem Nachbarn zu sein“ nicht gerecht werden kann. Sie muss sich nicht ärgern, sich möglicherweise Gedanken machen, dass sie jetzt nicht wirklich freundlich zu ihrem Nachbarn war. Sie könnte sich später ganz bewusst ihrem Nachbarn zuwenden und ihn besuchen.

So könnte sie ihrem Bedürfnis eine freundliche Nachbarin zu sein und in Harmonie zu leben zu einem anderen Zeitpunkt – z.B. ohne Hund – gerecht werden.

Machen Sie sich auf die innere Reise.

Vielleicht kennen auch Sie ähnliche Situationen mit Ihrem Hund, wie Frau Müller. Immer dann wenn sie in einen Konflikt geraten, sich über Maßen über Ihren Hund ärgern, versuchen Sie Ihre dahinterliegenden Bedürfnisse zu entdecken. Vielleicht gibt es da manchmal Bedürfnisse die sich auf den ersten Blick gegenseitig ausschließen.  Es aber dann doch Möglichkeiten für Sie gibt. Oder sie treffen- wie in diesem Fall – eine situative Entscheidung, akzeptieren Ihre Gefühle und gehen damit bewusst um. So ist es möglich in einer Situation in dem sich ihr innerer Konflikt zeigt, entspannter und gelassener bleiben. Entscheiden Sie was Ihnen jetzt wichtig ist und handeln Sie dann konsequent und innerlich klar. Und befriedigen Sie Ihre nicht erfüllten Bedürfnisse zu einem späteren Zeitpunkt, sorgen Sie für sich.

Typische tiefliegende Grundbedürfnisse können sein:

  • Zugehörigkeit – in Kontakt mit anderen zu sein
  • Gehört zu werden
  • Freie Entscheidung zu treffen
  • Sich Ausdruck zu geben
  • Anerkennung zu bekommen
  • Sich trotz Fehler okay zu fühlen

Es liegt in Ihrer Verantwortung Ihre Bedürfnisse zu befriedigen…

copyright Bettina Almberger, http://www.mentiko.de – bewusst kommunizieren

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