Auch Nichtstun ist Training

Burli-KopfBei meinen Tierschutz-Aktivitäten oder auch in der Beratung treffe ich immer wieder Hundehalter die einen Hund aus dem Tierschutz übernommen haben. An sich eine lobenswerte Sache, die ich sehr begrüße! Doch kaum ist der Hund eingezogen, fangen auch schon die ersten Problemchen an.

Von vielen Hunden wird erwartet, dass sie sich sofort in die neue Umgebung und Familie einfügen und auch schon alle Kommandos oder Regeln kennen. Und dann beginnt ein stressiges Miteinander für Mensch und Tier.

Ich erzähle nun mal wie es bei mir aussieht wenn ich einen Hund aus dem Tierschutz übernehme – und ich hatte schon so einige.

Oft haben diese Hunde eine lange Reise hinter sich. Sie wurden ausgesetzt, dann endlich gefunden und in einem Auffanglager / Tierheim untergebracht und schlussendlich landen sie dann bei mir zu Hause. Stress pur.

Also, ich hole den Hund ab, er darf mich kurz oder auch länger kennen lernen und dann steigen wir ins Auto und fahren nach Hause. Falls der Hund autofahrtauglich ist, dann rollt er sich nach einer kleinen Weile ein und schläft bis wir angekommen sind. Falls nicht, dann gibt’s Gebell und Gehechel und herumgerenne. Stress pur!

So, nun sind wir zu Hause angekommen. Raus aus dem Auto und dann mache ich mit dem Hund einen kleinen Spaziergang, damit er die Gegend erforschen kann und die neuen Gerüche kennenlernt. Es kommt auch vor, dass er gleich ein paar fremde Menschen trifft, so ist das eben wenn man nicht ganz alleine lebt. Noch mal Stress pur!

Danach hole ich meine Bande (derzeit 4 an der Zahl) nach und nach in den riesigen Garten. Nun sieht sich dieser Hund mit einem eingefleischtem Rudel  konfrontiert – alles allerliebste und verträgliche Hunde, das versteht sich von selbst. Puh! Das setzt dem ganzen noch mal eins drauf – wieder Stress!

Wenn dies nun alles glücklich und positiv abgehakt werden kann, dann geht’s rein in die gute Stube. Der Neuankömmling wird sich noch in der Wohnung umschauen, Wasser trinken, wieder herumlaufen, sich kurz hinlegen, nochmals herumlaufen, noch mal Wasser trinken aber irgendwann liegen dann alle und schlafen.

Und ab jetzt ist der Punkt gekommen, wo all der Stress abfällt und Ruhe einkehren darf. Innerhalb des Rudels und auch für den Neuankömmling.

Es wird Tage brauchen, bis sich unser Neuling beruhigt hat und so richtig ausgeschlafen ist.

Und nun beginnt die Zeit des süßen Nichtstuns für mich. Ich lasse den Hund einfach Hund sein. Er wird in den nächsten Wochen ohnehin genug lernen. Auch ohne mein Zutun.

Und das lernen die Hunde auch ohne besonderes Training

Diese Liste ist willkürlich, hat keine Prioritäten und sicherlich nicht vollständig. Es spielt sich alles in immer anderen Reihefolgen ab. Mal mehr, mal weniger.

Da wäre z.B. die Fütterungsordnung: meine Hunde haben alle einen bestimmten Platz an dem sie gefüttert werden. Ich erlaube es ihnen auch nicht, mir bei der Zubereitung zu „helfen“ – ich möchte gerne alleine in der Küche sein. Dann muss jeder eben warten, bis er sein Futter auf seinem Platz bekommt. Dann fressen alle, und wenn alle Hunde fertig sind und die Schüsseln leer, dann beginnen sie ringsum die des anderen noch mal zu kontrollieren und auszuschlabbern.

Und dann gibt’s natürlich den Spaziergang. Ich lebe inmitten einer riesigen Weide und habe dadurch nicht das Problem mit der Leine gehen zu müssen. Also gibt es bei mir kein an-der-Leine-gehen-Training. Aber bei vielen anderen Haushalten gibt es diese Möglichkeit nicht. Das heißt, hier muss so mancher Hund recht schnell lernen ein Brustgeschirr oder Halsband und eine Leine zu tragen.

Aber selbst wenn man ohne diese Hilfsmitteln auskommt, gibt es ja auch noch die Regeln unter den Hunden: wer geht wann wo und wohin, wer spielt mit wem.

Und so mancher Hund ist vollkommen überfordert mit dieser plötzlichen Freiheit und Weite. So mancher hat sein Leben an der Kette verbracht, oder in einem Verschlag.

Man trifft ja auch noch fremde Menschen oder andere Tiere auf dem Spaziergang – auch das muß der Neuling erst kennenlernen.

Dann kommt noch der Tagesrhythmus des Menschens hinzu: aufstehen, Gassigehen, füttern, nochmals gassigehen, arbeiten gehen (sprich Hund ist allein daheim), usw. Alle diese Dinge sind neu und der Hund muß sich erst daran gewöhnen, wann Fütterungszeiten sind und Spaziergänge folgen. Und in den Pausen kann man sich ja gut entspannen und schlafen.

Die meisten Menschen leben auch nicht alleine. Also gibt es noch jede Menge Familienmitglieder die entweder auch dort wohnen oder die regelmäßig vorbeischauen. An diese muss der neue Hund sich auch erst gewöhnen und sich auf sie einstellen.

Und zu guter Letzt, aber doch sehr wichtig, gibt es Regeln die alle befolgen sollten. Wie eben erwähnt, dass meine Hunde nicht in die Küche dürfen, wenn ich das Futter zubereite, oder wo befindet sich der Schlafplatz  (die schönsten Plätze wie die Couch oder meinem Bett sind entweder tabu oder schon belegt). Es wird bei Tisch nicht gebettelt, Begrüßungsrituale und so manches andere.

Bei all diesen Punkten, die ich gerade aufgezählt habe, komme ich ohne Training aus. Vieles ergibt sich von selbst nach ein paar Tagen der Orientierung. Mein wichtigstes Instrument ist meine Körpersprache. Ich zeige einfach mit der Hand was ich möchte oder ich ignoriere z.B. betteln bei Tisch. Freunde, Familie und Bekannte werden informiert und instruiert bevor sie auf Besuch kommen. Natürlich helfe ich auch mit Leckerlis nach.

Nach und nach fügt sich alles zusammen und dann darf der Neuankömmling endlich wirklich zur Ruhe kommen. All seinen Stress abbauen und einfach fröhlich sein.

Erst dann, beginne ich mit dem Training, wenn es überhaupt notwendig sein sollte. Auch da achte ich jedoch darauf, den Hund nicht zu überfordern. Gerade diese Phase ist so wichtig für das gegenseitige Kennenlernen und auch die Vertrauensbasis zu vertiefen. Hier zeigen sich dann doch noch ev. Unsicherheiten, alte Lernmuster und ähnliches. Jetzt jedoch fühlt sich der Hund sicher und ist bereit für meine Bemühungen ihm etwas neues zu zeigen und zu lernen.

Von welcher Zeitspanne rede ich? Ich rede da von 2 bis 6 Monaten, abhängig davon wie wenig oder schwer verstört der Hund bei seinem Einzug ist.
Autor: Patricia Bisztron

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3 Kommentare zu “Auch Nichtstun ist Training

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