Respekt

Respekt

„Wie verschaffe ich mir Respekt bei meinem Hund?“

 Dieser Satz sprang mir vor kurzem ins Auge und veranlasste mich, mir darüber mal einige Gedanken zu machen.

Immer häufiger höre und lese ich in den letzten Monaten diesen Satz. Die Interpretationsbreite dieses Satzes ist immens und führt somit zu vielen und sehr großen Missverständnissen zwischen den Arten Hund und Mensch.

Oft wird dieser Satz noch fortgeführt: Wie verschaffe ich mir Respekt von meinem Hund? Möglichst auf „hündisch“!

Vielleicht beginnen wir damit, das Wort „Respekt“ näher zu beleuchten. Was bedeutet es, was bedeutet es auch in verschiedenen Kulturkreisen?

Definition Wikipedia:

Der Ausdruck wird normalerweise auf zwischenmenschliche Beziehungen angewandt, kann jedoch auch auf Tiere, Gruppen, Institutionen, Länder oder Moralansichten, bzw fremden gesellschaftlichen Ansichten bezogen werden. Respekt impliziert nicht notwendigerweise Achtung, aber eine respektvolle Haltung schließt bedenkenloses egoistisches Verhalten aus. Die Respektvorstellung ist etwas Vorausgehendes und leitet sich nicht aus einer Rechtsvorstellung ab. Aspekte des Respekts können sehr mannigfaltig sein und äußern sich in verschiedenen Gesellschaften auch unterschiedlich. Kulturell bedingte Verschiedenheiten im Verhalten, Selbst- und Außenwahrnehmung können unbeabsichtigt den Anschein von Respektlosigkeit oder gar Tabuverletzung erwecken.

Theologie

„Der Mensch muß die eigene Würde der Geschöpfe und ihrer Rhythmen respektieren; er darf nicht beliebig schalten und walten.“ (Katholischer Erwachsenen-Katechismus)

Varianten

Respekt wird oft durch Symbole ausgelöst oder verstärkt und bezieht sich auf unterschiedliche Verhaltensformen, so etwa:

  • Achtung vor der anderen Person oder Höflichkeit ihr gegenüber.„Ich behandle jeden Menschen mit Respekt.“
  • Anerkennung der anderen Person gegenüber.„Ich habe großen Respekt gegenüber dem Politiker, der einen Fehler offen zugibt.“
  • Autorität der anderen Person.„Ich habe Respekt vor meinem Vorgesetzten.“
  • Angst vor der Macht einer übergeordneten Person.
  • „Durch Strenge und drakonische Bestrafungen verschaffte er sich Respekt.“
  • Toleranz gegenüber der anderen Person.„Ich respektiere es, wenn jemand vor dem Priester nicht niederkniet.“
  • Vorsicht bei Handlungen gegenüber Personen, die kränken oder Unfrieden stiften könnten. „Aus Respekt den Eltern gegenüber würde ich sie – um des lieben Friedens willen – nicht in der Gegenwart ihrer Kinder zurecht weisen. Nicht dass die Kinder danach noch quengeln“

Pädagogische Perspektive

In der englischen Sprache sind die Konnotationen des Wortes „Respekt“ heute weitaus milder als im Deutschen. Respect steht dort nicht in erster Linie für eine quasi soldatische Unterwerfung, sondern neutraler für die Achtung, die jeder Mensch jedem anderen menschlichen Wesen entgegenbringen soll. Der Gegenbegriff zu respect ist Misshandlung (abuse). In diesem Sinne ist respect in den USA ein hoch angesehenes und universell anerkanntes Erziehungsziel.[1]

Erziehung des Kindes zu einem respektvollen Umgangston erfolgt unter anderem durch ein gutes Vorbild der Eltern, die einander, dem Kind und weiteren Personen stets ohne Herablassung oder Demütigung begegnen. Die respektvolle Behandlung des Kindes besteht z. B. darin, seine altersgemäß natürlichen Vorlieben – etwa für Süßigkeiten oder für bestimmte Fernsehsendungen – nicht lächerlich zu machen (was nicht bedeutet, dass Eltern das Naschen oder Fernsehen des Kindes unbegrenzt dulden müssen).[2]

Definition Fremdwort.de:

Respekt impliziert nicht notwendigerweise Achtung, aber eine respektvolle Haltung und  schließt bedenkenloses egoistisches Verhalten aus. Die Respektvorstellung ist etwas Vorausgehendes und leitet sich nicht aus einer Rechtsvorstellung ab.

Respekt wird zuweilen als Synonym für Höflichkeit oder Manieren verwendet, obwohl diese Ausdrücke äußere Verhaltensweisen bezeichnen, während mit Respekt eigentlich eine innere Haltung gemeint ist. Kulturell bedingte Verschiedenheiten im Verhalten, Selbst- und Außenwahrnehmung können unbeabsichtigt den Anschein von Respektlosigkeit oder gar Tabuverletzung erwecken.

Per Definition würde ich mich sofort dem theologischen Ansatz anschliessen:

Der Mensch muß die eigene Würde der Geschöpfe und ihrer Rhythmen respektieren; er darf nicht beliebig schalten und walten.“ (Katholischer Erwachsenen-Katechismus)

Schade, dass es nicht in der Realität praktiziert wird… Aber: Hier wird von den „Geschöpfen“ und nicht von „Personen“ gesprochen. Und das gefällt mir sehr. Wir Menschen sind nicht allein auf der Welt und das bedeutet das wir nicht nur unserer Art mit Respekt begegnen sollten, sondern allen Mitgeschöpfen!

Wie wir gelesen haben, gibt es unterschiedliche Definitionsmöglichkeiten des Wortes „Respekt“. In England und Amerika verbindet man mit diesem Wort eher:

  • Achtung
  • Würde
  • Toleranz
  • Anerkennung
  • Autorität (mit ihren positiven Eigenschaften)

Während z.B. in Deutschland mit seinem strengen und starren militärischen Hintergrund eher

  • Angst
  • Vorsicht
  • Autorität (in seiner eher negativen Auslegung)

die Schlagwörter sind, die mit dem Begriff „Respekt“ in Verbindung gebracht werden.

Und was heißt überhaupt: „Auf hündisch?“

Beobachte ich Menschen, die mit ihren Hunden „hündisch“ sprechen, sehe ich oft Hunde, die sich ihren Menschen mit VORSICHT nähern, oftmals auch mit ANGST auf die „Respekteinforderung“ ihres Menschen reagieren. Wie kommt das?

Immer noch sitzt in den Köpfen der Menschen fest, dass ein „Alphawolf“ ständig über seinen Untertanen steht. Das er ständig darauf achtet das nichts schiefläuft. Und das er erst dann einschreitet, wenn etwas schief gelaufen ist. Hmmm. Ist das wirklich so? Bereits seit 35 Jahren erforscht Marc Bekoff die Gefühlswelt der Tiere, auch die der Caniden. Schon sehr früh stellte er fest, dass sich „Kommunikation“ nicht nur auf Situationen bezieht, in denen es gilt ein anderes Rudel/Familienmitglied zu disziplinieren, sondern dass Tiere auch durchaus zu viel differenzierten Gefühlen fähig sind. David Mech revolutionierte schon 1999 die Hundewelt mit seinen Beobachtungen an frei lebenden Wölfen. Seither wissen wir, dass „Kommunikation“ bedeutet, das dem Elternpaar eines Rudels sehr daran gelegen ist, das innerhalb der Familie ein entspanntes und freundliches Miteinander gefördert wird. Nur so kann ein Familienverband bestehen. Keineswegs kommt es auf willkürliche Machtdemonstrationen und ständige „Respektsbezeugungen“ der Familienmitglieder an. Im Gegenteil. „Respekt“ im positiven Sinne zollt man demjenigen, der aufgrund seiner Erfahrung, seiner natürlichen Souveränität, seiner Toleranz und Höflichkeit die Familie durch Dick und Dünn führen kann.

Jemand der die Fähigkeiten der einzelnen Familienmitglieder anerkennt, achtet und für das Wohlergehen der Familie einsetzt! Jemand der freundlich-tolerant kommuniziert – aber auch freundlich-konsequent den Weg vorgibt. Jemand, der ein Vorbild abgibt. Nur so finden junge Familienmitglieder die nötige Orientierung für ihr weiteres Leben. Und nur so wird ihr weiteres ÜBERleben gesichert.

Unser Hund wächst zum größten Teil seines Lebens in einer menschlichen Familie auf.

Wird in dieser Familie das Wort „Respekt“ mit Angst, Vorsicht und Autorität (in der negativen Definintion) verbunden, bedeutet das für diesen Hund, das sehr viel mit aversiven Methoden gearbeitet wird. Oftmals wartet man solange, bis der kleine Hund etwas falsch macht, um ihn dann zu massregeln. Das Wort „Kommunikation“ wird dort zwar mit Körpersprache, aber nur mit den negativen Aspekten, wie z.B. körperliches Bedrängen, Abdrängen, Zurückscheuchen assoziiert. Das Kommunikation auch andere Aspekte beinhaltet wird beim Lehren von „hündisch“ sehr oft vergessen. Hier handelt es sich um willkürliche Machtdemonstrationen, die den Hund eher verunsichern, in die Defensive treiben und im Extremfall zur Verhaltensauffälligkeit führen. Kommunikation hat nicht nur mit dem Wort „Nein“, mit Unterlassung und Verhaltensabbruch zu tun!

Mangelt es meinem Hund an Respekt vor mir, wenn er z.B.:

  • An der Leine zieht
  • Nicht hört, wenn ich ihn rufe
  • Menschen, oder Artgenossen anbellt
  • Jagen geht

NEIN!

Die Gründe für die genannten Verhaltensweisen können vielfältig sein.

Hunde ziehen an der Leine – weil der Mensch brav folgt J

Gemeinsam mit einer Kollegin haben wir während eines Seminars über 40 Gründe gefunden, warum ein Hund nicht kommt, wenn man ihn ruft – gerade mal zwei Gründe lagen tatsächlich beim Hund!

Warum bellen Hunde Menschen, oder Artgenossen an? Ach je. Die vielfältigen Gründe könnten in einem ganzen Buch erörtert werden!

Das Jagen! Jahrhunderte lang war es Selbst – und Arterhaltend. Unsere Hunde sind Beutegreifer. Einige Rassen ganz besonders. Damit müssen wir uns arrangieren!

All das hat nichts mit mangelndem Respekt zu tun!

Und eine Frage stelle ich mir jetzt ganz besonders: Kommt es eigentlich nur auf den Respekt an, den mein Hund mir zollt?

Haben die Begriffe Respekt und Kommunikation nicht etwas mit Gegenseitigkeit zu tun?

Den Respekt meines Hundes erlange ich in meinen Augen, wenn ich über seine arteigene Kommunikation informiert bin. Wenn ich mich mit seinen Familienstrukturen und den Familienstrukturen seiner Vorfahren vertraut gemacht habe. Wenn Begriffe wie: Toleranz, Höflichkeit und Souveränität keine Fremdworte für mich sind. Wenn ich diese Begriffe leben und vor allem auch VORleben kann. Wenn ich ihn vor den Gefahren unseres alltäglichen Lebens bewahren kann, ja wenn ich ihn zunächst mal darauf vorbereiten kann. Ich brauche das Vertrauen meines Hundes, ich muss berechenbar sein. Nur wem man vertraut, dem folgt man auch gern! Vertrauen, Souveränität – Eigenschaften die viele von uns erst erlernen müssen! Aber wie soll uns ein Lebewesen folgen, egal welcher Art, wenn wir unsicher, wuschig und mit uns selbst nicht im Reinen sind???

Viele Hundetrainer haben gut reden: Seien Sie souverän. Sie müssen selbstsicher den Weg vorgeben. Sie dürfen keine Unsicherheit zeigen. Bleiben Sie ruhig. Toll! Und damit sind viele Hundetrainer auch am Ende ihres Lateins. All das ist einfach gesagt. Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit liegt in Ihrem Verantwortungsbereich. Und dafür ist es manchmal nötig, auch noch anderweitige, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Und wie ist es mit dem Respekt , den ich meinem Hund zolle?

Darf ich das überhaupt? Ist das angebracht?

SELBSTVERSTÄNDLICH!

Ich habe großen Respekt vor der Fähigkeit meiner Hunde klar, deutlich und unmissverständlich zu kommunizieren. Und zwar auch auf positiver Ebene. Sie zeigen Zuneigung, Anerkennung, aber auch Ärger sofort, ohne Untertöne.

Danach sind sie nicht nachtragend. Sobald das Gegenüber „Einsicht“ signalisiert, ist die Situation erledigt und man kann wieder harmonisch zusammen leben. Hunde „meckern nicht tagelang nach“.

Gleich was sie erlebt haben, welchen Misshandlungen sie durch den Menschen ausgesetzt waren: Sie zeigen immer wieder die Bereitschaft Vertrauen aufzubauen und auch einem neuen Menschen wieder vertrauensvoll zu folgen. Natürlich gilt auch hier, genau wie bei uns Menschen: Eine Narbe, die das Leben Dir zugefügt hat, verändert Dich für immer und bleibt auch immer bestehen. Umso wichtiger ist ein berechenbarer, vertrauenswürdiger und verlässlicher Lebenspartner, der Respekt auch vor den Vorerfahrungen des Lebewesens hat.

Und was ist mit all den Fähigkeiten, die Hunde uns meilenweit voraus haben: Sie suchen vermisste Personen und Tiere, sie helfen Behinderten durch den komplizierten Alltag zu kommen, sie zeigen Krankheiten im Frühstadium an, sie helfen vielen Menschen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und sie helfen einsamen Menschen in unserer Gesellschaft. Menschen, die keine menschlichen Gefährten haben. Für diese Menschen nehmen sie unglaublich viele Einschränkungen in Kauf und sind trotzdem auf ihre Art zufrieden. So viel Selbstlosigkeit, so viel Friedfertigkeit, wenn das keinen Respekt verdient hat – was dann?

Text und Bilder: copyright Silvia Weber

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Ein Kommentar zu “Respekt

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