Der Hundetrainer – Leben am Rande des Wahnsinns

Die große Heckklappe des Transporters öffnet sich. Heraus springt ein großer, weißer Schäferhund, sprintet sofort auf mich zu und: greift einmal herzhaft in meinen Bauch… Danach steht er vor mir und bannt mich mit seinem Blick. Klassisch gestellt! Mit unbewegter Mine bitte ich seinen Besitzer ihn von mir abzurufen und sofort anzuleinen. Als da geschehen ist und etwas Abstand zwischen dem Hund und mir besteht, frage ich: „Und was war das jetzt?“ Antwort: „ Das macht der öfter. Ich wollte jetzt mal sehen, wie sie als Hundetrainer darauf reagieren…“

Ja, ich bin Hundetrainer. Manchmal auch Kanonenfutter für verantwortungslose Hundebesitzer. Aber ich liebe meinen Job! Zum Glück ist mir Spielin dieser Situation nichts passiert, es war Winter und ich trug eine wirklich dicke Jacke.

Ja, ich bin Hundetrainer. Und wie die allermeisten Kolleginnen und Kollegen sehe ich diesen Job weniger als Beruf, sondern eher als Berufung Hundegruppean. Nach solchen Situationen muss ich immer an einen Satz von Patricia B. McConnell denken. Ich bekomme ihn nicht mehr wortgetreu hin, aber sinngemäß sagt sie: Die Trainer, die besonders mit auffälligen Hunden, besonders im Bereich Aggressionsverhalten arbeiten, und dabei auch noch zufrieden sind, müssen doch alle einen kleinen Schaden haben. Zumindest müssen sie die reinsten Adrenalinjunkies sein. Natürlich meint sie das weder bösartig, noch abwertend. Sie zählt sich selbst zu den Adrenalinjunkies…

Ich kann das nur bestätigen. Regelmäßig gibt es Trainings, in denen ich sehr auf meine Unversehrtheit acht geben muss, in denen ich hochkonzentriert sein muss um auch nicht den kleinsten Fehler zu machen.

Aber: Es gibt keinen schöneren Beruf für mich. Kein Tag ist wie der andere. Kein Hund und auch kein Mensch ist wie der andere. Täglich lerne ich neue Charaktere, neue Teams und ihre Geschichten kennen. Und jede dieser Geschichten ist einzigartig. Langeweile: Die gibt es nicht. Herausforderungen: gibt es jede Menge!

Jedes Hund/Mensch-Team hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Umfeld, seine eigenen Persönlichkeiten, seine eigenen Möglichkeiten der Veränderung. Und die gilt es heraus zu filtern. Scherzhaft nenne ich mich selbst oft „Silvia Holmes“. Mir fehlt nur noch „Dr. Watson“ J

Um die Beziehung zwischen einem Hund und seinem Menschen, oft auch seinem gesamten Umfeld positiv zu verändern, muss man viele, kleine Puzzleteile aneinanderfügen. Oft, z.B. bei Hunden aus zweiter Hand, ist das nicht mehr möglich. Viele Dinge aus der Vergangenheit dieser Hunde liegen im Dunkeln. Manchmal bietet das Internet Möglichkeiten, etwas über die Geschichte eines Hundes herauszufinden. Detektivarbeit halt wieder. Arbeit, die nach Feierabend, nach den regulären Trainings, stattfindet. Von der niemand etwas mitbekommt.Hundegruppe

Ich kann jetzt nur von mir reden, weiß aber, das es all den Kolleginnen und Kollegen, die ihren Job ebenfalls als Berufung ansehen, genauso geht. Mein Tag startet im Normalfall gegen 6.00 Uhr in der Frühe. Zu jeder Jahreszeit. Ungewaschen und fern der Heimat besteigen meine 4 ¼ Hunde und ich das Auto und fahren einem entspannten Spaziergang entgegen. Wir bevorzugen ein Gelände das gut übersichtlich ist, dort kann auch unser Lenchen frei Laufen und sich richtig austoben. Auch das habe ich mit vielen Kollegen und Kolleginnen gemein: Wir leben mit „Problemhunden“. Hunden, die niemand mehr haben wollte, Hunde die ohne uns sicher nicht mehr auf dieser Erde wären. Zu kompliziert, zu viel Arbeit, zu anstrengend. Wir nehmen das alles in Kauf, wir lieben diese Hunde und sehen wie viel Spass auch das Leben mit ihnen machen kann. Und wie viel sie uns zurückgeben! Ich genieße diese ruhigen Morgenspaziergänge und tanke viel Kraft aus ihnen. Zu sehen welchen Spass die eigenen Hunde miteinander, natürlich auch mit mir und mit der Erkundung des Geländes haben, gibt neue Energie für einen neuen Tag.

Für den Fall, dass irgendetwas passiert, haben wir immer unser Handy dabei. Aber eigentlich nur für diesen Fall. Der frühe Vormittag gehört mir und meinen Hunden. Trotzdem kommt der erste Anruf meist gegen 7.00 Uhr. Oft sind es Terminvereinbarungen, Terminverschiebungen. Manchmal gehen aber auch dann bereits die ersten Hilferufe ein. Die Gründe für einen Hilferuf können sehr verschieden sein. Inzwischen stufe ich sie nach meiner persönlichen Skala ein: Kann noch warten. Semidramatisch. Dramatisch.

Um den Überblick zu behalten trage ich ständig die entsprechenden Listen bei mir, um bei erneuten Anfragen sofort im Bilde zu sein.

Was sind das für Gründe?

Ein Hundebesitzer lebt mit einem Hund, der schon mehrfach gebissen hat. Wenn ich von Beißen rede, dann rede ich von Vorfällen, in denen das Opfer ärztlich versorgt werden musste. Tiefe Verletzungen. Der Besitzer hat bereits mehrere Hundetrainer aufgesucht. Ergebnis: Alles wurde noch schlimmer! So, wie es sich anhört, wurde mit aversiven Mitteln gearbeitet, es ist so viel schief gelaufen! Ein möglichst zeitnaher Termin ist dringend erforderlich. Aber der Kalender ist voll. Proppenvoll. Wohin mit diesem armen Hund? Der Besitzer betont, dass das Ganze jetzt kein Geld mehr kosten darf! Schließlich hat er bereits jede Menge Kohle in andere Hundeschulen gesteckt. Wenn das jetzt zu viel kostet, dann lässt er den Hund lieber einschläfern…

Schweissausbruch. Was tun? Letztendlich verlege ich „kann warten“ Termine um mich nahezu kostenlos diesem Fall widmen zu können. Der Ausgang ist fraglich. Wie so oft. Es werden Mittagspausen dafür ausfallen. Aber ich gehe das Risiko ein, in der Hoffnung diesem Hund helfen zu können.

DRAMATISCH

Spätestens um 11.00 Uhr beginnt die Arbeit mit den regulären Terminen. Umschalten. Weg von DRAMATISCH – hin zu dem jeweiligen  Kunden. Sie haben ein Recht darauf, dass ich voll und ganz, auch im Kopf, bei ihnen bin. Auch sie haben ihre Sorgen und zu Recht erwarten sie das ich sie ernst nehme.

Oh je. Frau B. macht im Training zum zigsten Mal den selben Fehler. Innerlich raufe ich mir die Haare. Nach aussen bleibe ich natürlich ruhig Hundebegegnungund weise sie freundlich zum ebenfalls zigsten Male auf ihren Fehler hin. „Ach ja. Aber Zuhause mache ich das immer.“ Ihr Hund erzählt mir durch sein Verhalten etwas ganz anderes J

Herr Z. schafft es wieder nicht pünktlich zu seinem Termin zu kommen. Prima, alle weiteren Termine verschieben sich um etwa eine Viertelstunde. Unsere Pause damit auch. Hektisch und völlig abgehetzt steigt Herr Z. aus dem Auto, wie ein Rohrspatz auf seine Frau schimpfend. Die ist natürlich für seine Verspätung verantwortlich. Bevor wir unser Training beginnen können, muss jetzt erstmal Herr Z. beruhigt werden.

Mit Glück 13.00 Uhr Mittagspause. Hoffentlich Zeit für die eigenen Hunde, oft jedoch Zeit um zu telefonieren, zu recherchieren. Essen? An den meisten Tagen bleibt dafür keine Zeit. Das Telefon klingelt erneut. Irgendwo in Deutschland gibt es einen kleinen Welpen, der bereits mit 12 Wochen so aggressiv sein soll, dass er seine Schwester umbringen will. Innerhalb der nächsten Stunden muss er dort weg. Sonst…

DRAMATISCH! OK. Pflegestelle suchen. Jemanden finden, der ihn dort abholt. Oder eine Fahrkette organisieren. Selbst finde ich keine Zeit mich ins Auto zu setzen, um 15.00 Uhr geht es weiter mit den Terminen. Termine, mit denen ich auch meinen Lebensunterhalt verdienen muss. Wenn ich das nicht schaffe, werden wir alle obdachlos. Und dann kann ich niemandem mehr helfen…

Also: Umschalten! Inzwischen sind der schwierige Hund und der kleine Welpe in meinem Kopf. Erstmal nach hinten schieben und für den aktuellen Hund und Menschen da sein. Lösungsvorschläge finden. Übungen aufbauen. Entertainen. Ganz für sie da sein.

Die Trainingsstunde ist früher beendet. Gründe dafür gibt es viele. Also Zeit um ein paar Telefonate zu tätigen um eine Pflegestelle für den Welpen zu finden. Leider kein Erfolg. Da kommt der nächste Kunde. Umschalten.

Am Abend dann die Gruppen. Mindestens 6 Menschen, vielleicht noch Familienmitglieder und ihre Hunde stürmen auf mich ein. Mit gutem Recht. Sie haben von dem aufregenden und zum Teil auch stressigen Tag nichts mitbekommen. Mit Recht fordern sie meine volle Aufmerksamkeit. Ich mag meine Kunden. Der allergrößte Teil ist sehr nett, sehr lieb, sehr bemüht um seine Hunde. Und ich bin gern für sie da. Und wenn ich arbeite, dann kann ich umschalten, dann bin ich ganz für sie da. Weil sie verdient haben! Obwohl der Tag bereits meine volle Aufmerksamkeit gefordert hat, es waren auch wieder Hunde dabei, die Cesar Milan als „red zone dogs“ bezeichnen würde, schalte ich nun um auf: Spass mit dem Hund!

Bevor der Spass jedoch losgehen kann, möchte Jeder natürlich erstmal erzählen was in der Woche alles so passiert ist. Kleine Sorgen, große Sorgen, wer ist wem wobeim Spaziergang begegnet. Habt ihr schon von den M`s gehört? Die haben doch tatsächlich einen dritten Hund. Wo sie mit den ersten Beiden doch schon nicht fertig werden… Jeder möchte seine Informationen als Erster loswerden. Wild durcheinander prasseln die Neuigkeiten auf mich ein. Erstmal tief durchatmen und die liebenswerte Bande zur Ruhe bringen. Am Anfang der Gruppen fühle ich mich oft ausgelaugt, aber wenn wir einmal gestartet sind, dann habe ich auch richtig Spass. Es macht Spass den unterschiedlichen Teams zu zu sehen. Zu sehen, wie aus einem ehemaligen „Katastrophen-Team“ ein gut kommunizierendes, sich gegenseitig repektierendes Team wurde: das sind die Glücksmomente unserer Arbeit.

Gegen 20.30 Uhr findet der offizielle Feierabend statt. Die eigenen Doggis, die gottlob in verschiedenen Trainings auch noch mitlaufen konnten, fordern nun ihre wohlverdienten Kuscheleinheiten. Natürlich bekommen sie diese! Ohne meine Hunde wäre ich aufgeschmissen. Sie sind unverzichtbare Trainingsassistenten, die mir bei meiner Arbeit zur Seite stehen.

Dann geht es ab ans Telefon und den Computer. Die Pflegestelle für den Welpen ist immer noch nicht gefunden. Genauso wenig wie eine Fahrkette. Wohin sollte sie auch gehen? Ein Tierschutzverein meldet einen schwierigen Rückläufer. Auch der will in den Kalender integriert werden.  SEMIDRAMATISCH. Der Hund ist erstmal im Tierheim untergebracht, es besteht keine Gefahr für sein Leben. Puhh. Das wird ein langer Abend. Die Mails werden beantwortet, eine Pflegestelle wird nicht gefunden, also telefoniere ich den ganzen Abend um mal wieder Termine zu verlegen. Ich brauche Zeit um mich ins Auto zu setzen und den Welpen selbst abzuholen und zunächst bei mir aufzunehmen. Keine leichte Aufgabe mit meinen Hunden. Keine leichte Aufgabe für den Welpen. Aber auch das werden wir schaffen. Am nächsten Tag werden wir ihn holen…

Der schwierige Hund steht im Kalender, der Tierschutzrückläufer ist untergebracht, der Welpe wird morgen geholt – für diesen Tag ist alles geregelt. Jetzt muss ich nur noch Zeit finden, um Konzepte für das nächste Seminar zu erstellen, Briefe an Behörden zu schreiben und den nächsten Verhaltenstest für Therapiehunde zu organisieren. Dinge die unter: „kann warten“ notiert wurden…

Und Essen sollte ich vielleicht auch noch was. Die letzte Energieaufnahme fand beim Frühstück statt. Gegen 22.00 Uhr schlage ich mir irgendetwas in den Bauch, an das ich mich 30 Minuten später kaum erinnern kann, nachdem die Doggis das letzte Mal Pipi machen waren, sinke ich gegen 0.00 Uhr komatös ins Bett. Morgen ist ein neuer Tag. Vielleicht wird er ja ein wenig entspannter.Hunde2

Und so geht es nicht nur mir. Vielen Hundetrainern geht es so. Wir alle stehen zu unserem Beruf und unserer Berufung. Das ist unser Leben. Ein Leben für die Menschen und ihre Hunde. Ein Leben für unsere Hunde. Ein Leben das wir gar nicht anders führen möchten.

Ein Leben – oftmals am Rande des Wahnsinns.

Text & copyright Silvia Weber

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