Achtsamkeit

Vorwort

Im März 2013 habe ich diesen Artikel verfasst und ihn verschiedenen Kollegen/-innen vorgelegt. Die einhellige Meinung war: zu pessimistisch, zu persönlich, nicht zur Veröffentlichung geeignet. Schliesslich wollen wir uns alle nur mit den positiven Dingen beschäftigen…

Grundsätzlich richtig! Viele negative Dinge rauben unsere Zeit und Kraft, die wir in positive Dinge und Diskussionen stecken könnten. Trotzdem ist das Leben nicht rosarot und ich kann auch die dunklen Aspekte nicht verleugnen. Und ich muss mir die Frage stellen: Was läuft falsch? In unserem Leben, in unserer Beziehung zu Menschen, in unserem Job?

Seit vielen Monaten ist mir klar: Wir verlieren immer mehr wertvolle Menschen. Menschen die dem Druck, der Erwartungshaltung und dem Gedanken „funktionieren“ zu müssen, nicht mehr gewachsen sind. Wir sollten wach werden und uns fragen warum? Wenn ich bedenke wie viele Kolleginnen ich seit Anfang des Jahres erlebt habe, die die Flügel gestreckt haben… Zusammenbruch aufgrund völliger körperlicher Erschöpfung. Künstliches Koma um wieder genesen zu können. Psychischer Zusammenbruch – genannt Burn Out. Menschen die manchmal nur aufgrund Psychopharmaka dazu in der Lage sind weiter zu machen.

Seit vielen Monaten ist mir klar: Wir verlieren immer mehr wertvolle Menschen. Menschen die dem Druck, der Erwartungshaltung und dem Gedanken „funktionieren“ zu müssen, nicht mehr gewachsen sind. Wir sollten wach werden und uns fragen warum? Wenn ich bedenke wie viele Kolleginnen ich seit Anfang des Jahres erlebt habe, die die Flügel gestreckt haben… Zusammenbruch aufgrund völliger körperlicher Erschöpfung. Künstliches Koma um wieder genesen zu können. Psychischer Zusammenbruch – genannt Burn Out. Menschen die manchmal nur aufgrund Psychopharmaka dazu in der Lage sind weiter zu machen.
Und auch Kolleginnen die gar keinen Ausweg mehr sehen. Die an der Erwartungshaltung, dem Zwang „funktionieren“ zu müssen, gescheitert sind…

Ich kann meine Augen davor nicht mehr verschliessen…

Deshalb sind die vorher gegangenen und auch nachfolgenden Zeilen unter anderem, einer sehr lieben, emphatischen Kollegin gewidmet, die mit unserem Leben und auch unserem Job, dem Druck und der Erwaltungshaltung, offensichtlich nicht mehr klar kam.

Elke, wir haben uns in den letzten Jahren nicht mehr so oft gesehen, aber ich werde Dich immer als sehr liebevollen, liebenswerten und emphatischen Menschen in Erinnerung halten. Ich bin sehr traurig das Du nicht mehr hier bist, die Welt braucht Menschen wie Dich, gottlob hast Du im Leben vieler, anderer Menschen Deine Abdrücke hinterlassen!

Aber auch Deinen Wunsch nach Freiheit kann ich respektieren. Sicher geht es Dir nun besser! Und ich hoffe das Deine Geschichte mehr als nur einen Menschen nachdenklich macht…

Achtsamkeit

Wir alle reden sehr viel über „Achtsamkeit“.
Wir sind achtsam gegenüber unseren Hunden. Wir sind achtsam gegenüber den Hunden unserer Kunden. Und wir sind natürlich achtsam gegenüber unseren Kunden und allen anderen Menschen mit denen wir in Kontakt kommen.

Achtsamkeit – für uns alle ein großes und ebenso wichtiges Thema. Ohne Achtsamkeit gegenüber unseren Mitlebewesen, wären wir nicht das, was wir sind.
Emphatische Menschen, denen das Wohl und Glück ihrer Mitlebewesen sehr am Herzen liegt. Menschen, die für das Glück der Anderen oftmals sich selbst hintan stellen, manchmal solange bis nichts mehr geht…

Und da sind wir beim Thema…
Wie achtsam sind wir eigentlich im Umgang mit uns selbst?
Unser Job, obwohl von der Gesellschaft nicht wirklich als Beruf anerkannt, ist sehr anspruchsvoll. Wir haben es mit den unterschiedlichsten Charakteren bei Mensch und Hund zu tun. Wir müssen dazu in der Lage sein uns individuell auf jeden einzelnen einzustellen. Für jeden das Optimum herauszuholen. Auch wenn es nicht unser eigenes Optimum ist… Kompromisse müssen gemacht werden. Kompromisse die oft auch weh tun. Kompromisse zu denen wir uns durchringen müssen. Für uns steht der Hund an oberster Stelle. Dann kommt der dazugehörige Mensch. Dann kommen noch ganz viele andere… Und mit etwas Glück kommen dann irgendwann wir selbst…

Es ist nur wenige Tage her, als ein sehr renommierter Kollege davon sprach, dass die Berufsgruppe der Hundetrainer, Hundepsychologen und Verhaltensberater eine unvergleichlich hohe Rate an Burn out Patienten aufweist.

Schaue ich in meinem unmittelbaren Umfeld genau hin, stelle ich fest: Er hat Recht!
Immer mehr wirklich gute Kollegen/-innen fallen aus. Sie brechen unter dem immensen Druck zusammen, der von aussen auf ihnen lastet und den man sich natürlich auch selbst macht.

Definition Burn Out:
Ein Burnout-Syndrom (englisch (to) burn out: „ausbrennen“) bzw. Ausgebranntsein ist ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Es kann als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt. Besonders betroffen sind Berufe, die es mit Menschen (als Klienten) zu tun haben, die sich in emotional belastenden Situationen befinden. (Wikipedia 2013)

Die idealistische Begeisterung für die Sache kennen wir alle. Wir alle lieben unseren Job, wir lieben den Umgang mit Mensch und Hund. Wir sind mit Herzblut dabei. Wir geben alles. Wie oft höre ich folgenden Satz: „Burn Out? Das kann uns ja gar nicht passieren, wir lieben doch unsere Arbeit!“ Das genau scheint die Falle zu sein.

Eben weil wir unsere Arbeit so sehr lieben merken wir oft gar nicht was mit uns passiert. 16 Stunden Tage sind nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Wir arbeiten an den Wochenenden, an Feiertagen, wir sind immer da. Weil wir es gern sind.

Und irgendwann wundern wir uns darüber, dass wir uns ständig müde, schlapp und kraftlos fühlen. Warum wollen wir am Morgen nicht mehr aufstehen und warum sind wir so leicht reizbar?

Trotz allem muss es weiter gehen. Im ungünstigsten Fall verdienen wir mit unserer Arbeit unseren Lebensunterhalt. Wir sind Selbstständig. Den Gedanken an eine schöpferische Pause können wir also direkt aufgeben.
Das Karussell dreht sich weiter: Wir lernen zu verbergen wie es uns tatsächlich geht. Nach aussen hin haben immer strahlende Laune, verbreiten Optimismus und Zuversicht, frei nach dem Motto: Wie`s drinnen aussieht geht niemanden was an…

Auch das geht eine Weile gut. Dann kämpfen wir gegen immer wiederkehrende Infekte, gegen Herzrythmusstörungen, gegen das Gefühl der völligen Unfähigkeit. Wir nehmen uns selbst als Persönlichkeit nicht mehr wahr. Wir haben nur noch das Gefühl funktionieren zu müssen. Erfolge vorweisen zu müssen. Der Druck unter den wir uns oft selbst setzen nimmt in diesem Stadium zu. Wir können nicht krank sein – unsere Kunden warten auf uns. Und wir müssen den Hunden helfen. Das Telefon klingelt nun unablässig. Alle warten auf einen neuen Termin. Überall sitzen arme, vierbeinige Seelen die auf unsere Rettung warten… Wir schaffen das alles nicht mehr. Längst sehen wir uns nicht mehr als eigenständige Persönlichkeit. Wir haben alles aufgegeben: Freunde, Familie, eigene Interessen. All das hat keine Bedeutung mehr. Es zählt nur noch die Arbeit! Das ICH geht unter…

Phasen des Burnout-Syndroms

Herbert Freudenberger und seine Kollegin Gail North haben zwölf Phasen im Verlauf des Burnout-Syndroms identifiziert. Die Reihenfolge muss jedoch nicht wie in der folgenden Auflistung verlaufen:

  • Drang, sich selbst und anderen Personen etwas beweisen zu wollen
  • extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen erfüllen zu können
  • Überarbeitung mit Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen innerer Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem sowie an ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, Absinken der Toleranz und Geringschätzung anderer Personen
  • Rückzug und dabei Meidung sozialer Kontakte bis auf ein Minimum
  • offensichtliche Verhaltensänderungen, fortschreitendes Gefühl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen Personen; das Leben verläuft zunehmend funktional und mechanistisch
  • innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gefühle durch Überreaktionen zu überspielen wie beispielsweise durch Sexualität, Essgewohnheiten, Alkohol und andere Drogen
  • Depression mit Symptomen wie Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • erste Gedanken an einen Suizid als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs
    (Wikipedia 2013)

Na? Wer erkennt sich vielleicht schon wieder?
Seid ehrlich zu euch selbst. Wir leben nicht nur mit unserem Beruf, sondern wir alle haben auch noch eine Familie in der es auch nicht immer einfach zu geht. Wir haben Freundschaften die gehegt und gepflegt werden wollen. Das Gefühl allen gerecht werden zu wollen, zerreisst uns irgendwann. Ist es einmal soweit gekommen, findet sich nur schwer ein Ausweg. Neben der ärztlichen und psychologischen Begleitung wäre in diesem Fall ein freundschaftlicher Austausch mit gleich Gesinnten und vielleicht sogar betroffenen Kollegen/-innen sehr wichtig. Aber wer gibt das zu? Wer gibt zu am Ende seiner Kräfte zu sein? Das Gefühl unfähig zu sein hat eh schon Überhand genommen. Seine eigene, vermeintliche Unfähigkeit zuzugeben, kann das Ende der beruflichen Laufbahn im Haifischbecken Hundeszene sein… Der Austausch an sich wäre sehr wichtig. Offener, ehrlicher Austausch, in dem jeder auch mal ein Scheitern zugibt. Sind wir alle nicht nur Menschen? Machen wir nicht alle Fehler?

Entspannungstraining, Kommunikationstraining, Beratung, soziale Unterstützung und die Suche nach den Ursachen für die eigenen Verhaltensweisen gehören ebenfalls zu den Behandlungsmöglichkeiten. Mittlerweile gibt es Untersuchungen und Studien zu diesem Thema. Es nimmt einen immer größer werdenden Stellenwert in unserer Gesellschaft ein.

Interessant ist folgendes Ergebnis:

In einer Studie mit 428 Mitarbeitern eines öffentlichen Krankenhauses im Südwesten der Vereinigten Staaten hat Chris Thomas versucht herauszufinden, mit welchen Interventionen man das Burnout-Syndrom am wirksamsten behandeln kann. Als Grundlage diente ihm das „Demands-Resource Model“, auch „Effort-Reward Model“ genannt (siehe Abschnitt Ursachen/Empirisch validierte Erklärungsmodelle). Nach dieser Untersuchung erwiesen sich das Mentoring und der Austausch von Vorgesetzten und Mitarbeitern (Leader-Member Exchange oder LMX) als besonders wirksame Instrumente. Mentoren sind angesehene, hierarchisch höher stehende Mitglieder einer Organisation. Sie kennen die Organisation sehr gut, haben umfangreiche Erfahrungen mit der Funktionsweise und den (ungeschriebenen) Spielregeln dieser Organisation. Dadurch können sie die ihnen zugeordneten Mitarbeiter besonders wirksam betreuen, beraten und ihnen Perspektiven aufzeigen. Beim Austausch von Vorgesetzten und Mitarbeitern handelt es sich um einen besonderen Führungsstil. Dieser verlangt, dass der Vorgesetzte seine Vorbildfunktion erfüllt, seine Mitarbeiter durch anspruchsvolle Ziele herausfordert, ihre Kompetenzen entwickelt, für eine offene Kommunikation sorgt und regelmäßig Feedback gibt. Dieser Führungsstil entspricht weitgehend dem Modell der Transformationalen Führung. Durch diese Maßnahmen werden die mentalen Energien (persönliche Ressourcen) erzeugt, mit denen wachsende Anforderungen (Demands) bewältigt werden können. (Wikipedia 2013)

Liebe Nachwuchskollegen/-innen: Passt auf euch auf! Lasst es erst gar nicht so weit kommen. Seit achtsam gegenüber euch selbst. Lernt euch auch mal abzugrenzen. Pflegt euer Privatleben. Macht regelmässig Dinge die euch gut tun. Sucht und pflegt eure „Kleinen Fluchten“. Für jeden kann das etwas anderes sein. Lernt die kleinen Momente des Alltags zu erkennen und vor allem zu geniessen! Wir verlieren so viele, gute Menschen aufgrund dieser Tatsachen! Und es zählt doch jeder von uns!

Natürlich sind wir alle weiterhin achtsam gegenüber unseren Mitlebewesen, aber: Auch wir selbst sind wichtig, einzigartig und fühlende Lebewesen.

Zum Standardbegriff wurde „burn out“ um 1900 mit der Bedeutung von „Überarbeitung und früher Tod“. (Wikipedia 2013)
Ohne Worte…

Autor: Silvia Weber

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