Eine Weihnachtsgeschichte

Velos – hündische Netzwerke

 So unglaublich diese Geschichte sich auch anhören mag: Sie ist tatsächlich waVeloszuhause2hr!

Es war zur Vorweihnachtszeit 2009.

Draußen klirrte die Kälte, drinnen gab der gemütliche, riesige Kachelofen seine heimelige Wärme an uns weiter, das Holz knackte und knisterte, die Kerzen verbreiteten ein warmes Licht und den Duft nach Zimt und Apfel.

Behaglich saß ich vor dem Laptop, genoss den frühen Feierabend und die entspannte Stimmung. Zufrieden seufzende und grunzende Pelznasen räkelten sich zu meinen Füssen…

Mit einem tiefen Atemzug sog ich den vorweihnachtlichen Geruch von Zimt und Apfel ein – „Haaach was geht es uns doch gut“… schoss mir spontan durch den Kopf. Gleichzeitig aber auch der traurige Gedanke: „Ich wünschte allen Lebewesen auf der Welt ginge es so gut…“

Wenige Tage zuvor war ich beim Surfen im Internet auf die Geschichte von Velos, dem blonden Labrador gestoßen. Seine Geschichte berührte mich sehr und ich konnte es kaum erwarten mich abends an den Laptop zu setzen um sie zu verfolgen. Um zu wissen ob es Hoffnung für ihn gab.

Velos wurde in Griechenland von einer Tierschützerin in der Nähe eines Hotels gefunden. Sein rechtes Vorderbein war, wie der restliche Körper des armen Hundes, in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Der Ellbogen war geschwollen, das offen liegende Fleisch entzündet, der Unterarm stand merkwürdig abgewinkelt ab.

Um ihn vor weiteren Angriffen unverständiger Menschen zu schützen nahm die Tierschützerin ihn zunächst bei sich auf. Das Bein musste dringend tierärztlich behandelt werden und sie brachte ihn am folgenden Tag zu einem Tierarzt, der feststellte, dass der Ellbogen völlig zertrümmert und das Gewebe des Vorderbeins dabei war abzusterben.

Auf den Fotos im Internet sah man bereits das sein Bein von Tag zu Tag schwärzer wurde. Um Velos zu retten, schien die einzige Möglichkeit die Amputation zu sein.

Zu all dem Unglück kam hinzu, das der Tierarzt sich weigerte Velos, wie man den tapferen Labrador inzwischen genannt hatte, so kurz vor Weihnachten zu operieren. Würde er ihn operieren, würde das bedeuten er müsste ihn auch über die Feiertage weiter betreuen. Und dazu war er nicht bereit.

Also wurde händeringend nach einer Möglichkeit gesucht Velos nach Deutschland zu bringen um ihn hier ärztlich betreuen zu lassen.

Lange Tage bewegte sich nichts, Velos`s  Schicksal schien besiegelt. Trotz all seiner Schmerzen und  der scheinbaren Ausweglosigkeit seiner Situation genoss er das Zusammensein mit seiner Menschin, die sich weiterhin aufopfernd um ihn kümmerte so gut es ging. Seine Fotos zeigten einen Hund, der offenbar jegliches Vertrauen in die Menschen verloren hatte, aber auch einen Hund der nicht bereit war aufzugeben, der für sich entschieden hatte das es noch zu früh für ihn war! Er strahlte einen beeindruckenden Lebenswillen aus…

Es tat weh ihn so zu sehen und ich überlegte bereits hin und her wie wir es schaffen könnten Velos bei uns aufzunehmen. Herz kämpfte gegen Verstand: Konnte ich ihm unsere 4-beinigen Rabauken zumuten? Wie würden sie mit einem derart traumatisierten Hund umgehen? Was, wenn es gar nicht klappen würde?

Hin und her – her und hin… So ging es mehrere Tage lang.

Mit großer Erleichterung las ich dann, dass Velos mit der Fähre auf dem Weg nach Athen sei um dort in einer Pflegestelle untergebracht zu werden. Noch immer wurde jedoch nach einer Möglichkeit gesucht ihn so schnell wie möglich nach Deutschland zu bringen, sein Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Dann endlich las ich die erlösende Nachricht, dass auch dieser Weg gefunden war und Velos noch vor Weihnachten ausfliegen konnte. Er hatte einen Platz in einer Klinik bekommen, die auf solch schwerwiegende, orthopädische Verletzungen spezialisiert war. Mir fiel nicht nur ein Stein vom Herzen – nein es war ein ganzes Gebirge.

In den folgenden Wochen las ich nun die Geschichte seiner langsam verlaufenden Genesung. Sein Bein konnte aufgrund einer komplizierten Operation gerettet werden. Auch die Ärzte de Klinik hatten seinen beeindruckenden Lebens- und Durchhaltewillen erkannt.  Bei den Untersuchungen in der Klinik stellte sich zudem noch heraus, dass Velos Körper von unzähligen Geschossen durchsiebt war die, soweit möglich, alle noch entfernt werden sollten. Da auch das Bein noch einige Male operiert werden musste um es so weit wie möglich zu richten, sollten in jeder Narkose auch einige der Geschosse entfernt werden.

Der Genesungsprozess wurde durch die psychische Verfassung von Velos zusätzlich erschwert. Durch die traumatischen Erlebnisse die seine körperlichen Verletzungen offensichtlich verursacht hatten, hatte auch seine Seele großen Schaden genommen.

Irgendwann sah es dann doch so  aus als hätte er sich aufgegeben. Er lag nur unter dem Tisch, nahm zu niemandem Kontakt auf und wirkte völlig apathisch. Die Untersuchungen und Behandlungen ließ er ohne Regung über sich ergehen. Selbst auf den Fotos konnte man den hoffnungslosen Ausdruck in seinen bernsteinfarbenen Augen erkennen. Da sein weiteres Schicksal noch ungewiss schien, machte ich mir wieder Gedanken ob Velos bei uns ein Zuhause finden könnte.

Inmitten dieser Gedanken klingelte Anfang Februar 2010 mein Telefon. Am anderen Ende der Leitung vernahm ich eine sehr sympathisch und warmherzig klingende Frauenstimme, die um meine Hilfe bat. Kennt ihr das: Ihr hört nur eine Stimme und wisst – das passt! Innerhalb von Sekunden machte sich diese Gewissheit in mir breit. Die sympathische Stimme und Ihr Mann überlegten einen Hund aus dem Tierschutz bei sich aufzunehmen, waren aber nicht sicher ob sie diese Aufgabe bewältigen konnten. Die Stimme erzählte mir, dass es um einen Hund aus dem Ausland gehe, der traumatische Erlebnisse hinter sich haben müsse und zur Zeit in einer Klinik irgendwo in Deutschland betreut werde. Sie mache sich weniger Sorgen um seine körperliche Verfassung, als um seine psychische. Es scheine so als ob der Hund sich völlig aufgegeben habe und er verhalte sich sehr apathisch. Der Hund habe ein zertrümmertes Vorderbein und sei am ganzen Körper voller Geschosse.

Mir stockte der Atem, und mir schossen die Tränen in die Augen. Mit tränenerstickter Stimme unterbrach ich die Frau: „Halt. Wir reden hier doch wohl nicht von Velos?“ Stille am anderen Ende der Leitung. „Sie kennen Velos?! Mein Gott, woher kennen sie ihn?“

Ich konnte kaum noch reden, erklärte ihr aber mit immer wieder versagender Stimme, dass ich die Geschichte im Internet seit mehreren Wochen verfolgt hatte.

Nun brauchte auch die Dame am Telefon etwas Zeit und nachdem wir uns beide gefasst hatten vereinbarten wir ein Beratungstermin, in dem wir alles weitere gemeinsam planen und besprechen wollten.

Mir fehlten die Worte. Das sich der Kreis auf diese Weise schließen sollte…Das Ehepaar wohnte in Dortmund und so bekam ich vielleicht tatsächlich die Gelegenheit Velos persönlich kennen zu lernen.

Schließlich saßen wir alle Drei bei einem Kaffee zusammen und ich erfuhr die ganze Geschichte. Der Kreis fügte sich noch fester zusammen als ich es gedacht hatte. Velos Geschichte ist wirklich so unglaublich…

Die Dame, nennen wir sie Frau Müller, arbeitet bei einer Fluggesellschaft und hatte sich in der Vergangenheit ab und an für den Tierschutz engagiert. Aus diesem Grund hatte die Tierschutzorganisation, die sich um Velos bemühte, sie angesprochen, ob es ihr möglich sei vor Weihnachten noch nach Athen zu fliegen um als Flugpatin für Velos zu fungieren.

Nach einer kurzen Besprechung mit ihrem sehr verständnisvollen Mann um 6.00 Uhr morgens, wurde kurzerhand ein Flug gebucht. Sie machten sich auf den Weg zum Flughafen nach Frankfurt, um abends von dort nach Athen zu fliegen und den armen Velos dort in Empfang zu nehmen. Mit der ersten Maschine des nächsten Tages sollte es dann zurück nach Frankfurt gehen. So weit – so gut, sehr gut geplant. Doch der Mensch denkt und jemand anders lenkt… Auf dem Weg nach Frankfurt setzte starker Schneefall ein , in Frankfurt wurde ein Flug nach dem anderen aufgrund der sich ständig verschlechternden Witterungsbedingungen gestrichen. So auch der Flug von Frau Müller… Schließlich wurde der Flughafen komplett geschlossen und die wartenden Passagiere früh morgens um 3.00 Uhr in Hotels untergebracht. Um 6.00 Uhr in der Früh solle man sich wieder am Counter einfinden um sich nach eventuellen Umbuchungsmöglichkeiten zu erkundigen. Sollte die Rettungsaktion für Velos am Ende doch noch scheitern? Damit wollten Frau Müller und Ihr Mann sich einfach nicht abfinden und sie gaben alles um einen Platz in einer Maschine nach Athen zu ergattern. Am Flughafen herrschte das reinste Chaos. All die gestrandeten Passagiere, die so gern noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest zu ihren Familien nach Hause wollten! Endlich, am Nachmittag erhielt Frau Müller den letzten, verbliebenen Platz auf einen Flug nach Athen. Überglücklich nahm sie im Flugzeug Platz, voller Hoffnung das Weihnachtswunder für Velos doch noch möglich zu machen.

Aufgrund des in diesem Jahr herrschenden Schneechaos in Deutschland wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht,  ob die Maschine für den am gleichen Tag geplanten Rückflug überhaupt in Athen starten würde und wenn, war noch weniger klar, ob und wo sie in Deutschland landen könnte. Es war der 21. Dezember… Für Frau Müller bedeutete dies: Keine Ahnung wo sie den heiligen Abend verbringen würde…

Wieder hatte Velos einen Menschen gefunden der all seine Energie und sein Herzblut für seine Rettung gab.

In Athen wurde sie schon sehnlichst erwartet. Die ganze Zeit hatten die Tierschützer, gemeinsam mit Velos, am Flughafen ausgeharrt, in der Hoffnung das seine Ausreise trotz aller Hindernisse doch noch gelingen würde.

Doch das Abenteuer war auch in Athen noch nicht zu Ende… Erneut kam es zu langen Wartezeiten… Wartezeiten, in denen Velos und Frau Müller bereits sehr viel Zeit miteinander verbrachten…

Und dann war es endlich soweit: Velos kam tatsächlich mit der letzten, möglichen Maschine vor dem heiligen Abend in Frankfurt an!

Völlig erledigt wurden er und Frau Müller dort vom besten Ehemann von allen aufgesammelt und dann ging es direkt weiter in die Klinik. Um Frau Müller war es bereits geschehen. Die Ungewissheit, die Angst was werden würde und der gemeinsame Wille es zu schaffen hatten sie und Velos zusammen geschweißt. Ich kann es verstehen, auch ich habe mein Herz nur aufgrund von Fotos an Velos verloren. Und hat sie hat ihn persönlich erleben können!

Während seines Klinikaufenthaltes besuchte ihn das Ehepaar Müller regelmäßig und eigentlich stand da bereits fest: Wenn es irgendwie, trotz ihrer Berufstätigkeit möglich war, dann sollte Velos zu ihnen kommen.

VelosPhysio5Jetzt saßen wir alle Drei da – drei Herzen voll mit Zuneigung und Liebe für diesen einen, offenbar sehr außergewöhnlichen Hund. Und es sollte noch eine Überraschung geben.

Das Ehepaar Müller hatte sich im Vorfeld wirklich viele Gedanken um die Adoption von Velos gemacht. Wer wird auf ihn acht geben während sie arbeiten? Ist es möglich einen solch traumatisierten Hund in einer „normalen“ Umgebung zurück ins Leben zu führen? Was kann von verhaltenstherapeutischer Sicht her an Aufgaben auf sie zukommen? Wird er jemals wieder ein fröhlicher Hund werden? Ist es möglich, dass er Treppen steigen kann? Wie kann seine Behandlung fortgeführt werden? Von der Klinik hatten sie die Auflage, das Velos unbedingt in qualifizierte, physiotherapeutische Behandlung sollte. Durch ihren verstorbenen, vierbeinigen Begleiter „Jasper“ kannten sie bereits eine sehr gute und einfühlsame Therapeutin. Die hatte ihnen geraten mit mir Kontakt aufzunehmen um die verhaItenstherapeutischen Aspekte zu besprechen.

Ratet wer die Physiotherapeutin war?  Eine meiner besten Freundinnen! Velos hatte sich bereits ein komplettes Netzwerk aufgebaut!

Zwei Tage nach unserem Gespräch kam die Entscheidung: Velos würde beim Ehepaar Müller in Dortmund einziehen!

Die ersten Wochen gestalteten sich sehr schwierig.

Auch im neuen Zuhause lag Velos nur unter dem Küchentisch und bewegte sich lediglich wenige Meter nach links um auf die Dachterrasse zu kommen. Dort verrichtete er sein Geschäft. Einen Meter nach rechts bewegte er sich um an sein Essen zu kommen. Das war`s.

Für mehr war er zu ängstlich. Er verließ seinen Platz nicht um die Wohnung zu erkunden, die Wohnung zu verlassen – daran war gar nicht zu denken.

Veloszuhause1

In dieser Zeit gab es nur telefonischen Kontakt zwischen mir und dem Ehepaar Müller. Alles andere hätte Velos völlig überfordert. Da er in der Klinik Interesse an anderen Hunden gezeigt hatte, schlug ich vor einen sehr netten, fröhlichen und aufgeschlossenen Hund einzuladen und darauf zu hoffen, das der Velos aus der Reserve und unter seinem Tisch hervor locken konnte. Treffer! Diese Idee funktionierte hervorragend. Dank des anderen Hundes begann Velos seine neue Umgebung zu erkunden und verließ sogar die Wohnung für kurze Spaziergänge.

Endlich kam der Tag meVelos - Ruhrpotthundines ersten Besuches bei ihm. Er war nicht wieder zu erkennen! Noch etwas ängstlich, aber bereits sehr neugierig schnupperte er mich ab, untersuchte meinen Rucksack und war sehr für Leckerchen zu haben. Seinen Hofstaat hatte er bereits recht gut erzogen und führte das Leben eines kleinen Prinzen. Ich hab es ihm gegönnt! Und ich gönne es ihm noch heute. Velos ist ein wunderschönes Beispiel dafür was Liebe, Geduld und Beharrlichkeit ausrichten können.

Er wird immer ein Hund mit Handicap bleiben. Aber er ist ein so fröhlicher Hund geworden. Das Velos sich nicht aufgegeben hat, das er Menschen gefunden hat die für ihn und mit ihm gekämpft haben gegen die körperlichen Beschwerden und ihn zurück geführt haben in ein fröhliches, unbeschwertes Leben – all das hat sich gelohnt! Er liebt seine kleinen Spaziergänge, er liebt den Umgang mit seinen vierbeinigen Freunden, und dank seiner unglaublich lieben, verständnisvollen und durchhaltefähigen Menschen liebt er auch uns Zweibeiner wieder.VelosWinter10

Ich bin dankbar, dass ich Velos`s Weg zurück ins Leben mitverfolgen und auch ein Stück weit begleiten durfte.

Sind Hunde nicht faszinierende Wesen? Neben vielen anderen Dingen können sie Eins wesentlich besser als wir: Verzeihen…

Silvia Weber

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