Emma hat mir ihr ganzes Vertrauen geschenkt

Mai2014 001

Mein Hund Emma ist aus dem Auslandstierschutz. Sie kam mit 13 Wochen zu uns, wenn man glauben mag, dass sie am 16. August 2009 geboren wurde. Normalerweise fängt zu dieser Zeit die Sozialisierung der Hunde in der Familie und im Alltag an und sie werden an noch mehr Reize gewöhnt.
Ich dachte damals, einem Welpen aus dem Auslandstierschutz ein Zuhause zu geben, ist toll und ich tue etwas Gutes. Die Frage war, für wen, für mich oder für Emma?
Emma ist aus Griechenland, ich sah sie im Internet. Unser vorheriger Hund war kurz zuvor gestorben. Ich nahm Kontakt mit der Pflegestelle auf und schon ging das Vermittlungsdilemma los. Es gab eine Vorkontrolle, die von einer Frau durchgeführt wurde, die selber vier Hunde aus dem Auslandstierschutz hat und stolz darauf war, dass nur sie mit ihnen rausgehen konnte, nicht aber ihr Mann. Das hat jedoch meinen Wunsch, Emma zu adoptieren nicht geschmälert. Eher meinen Wunsch gehegt, es auf keinen Fall dazu kommen zu lassen, das ich die einzige wäre, die mit ihr rausgehen kann.
Ich wies die Kontrolleurin noch darauf hin, dass wir keinen ängstlichen Hund haben möchten, da wir ein Kind haben. Sie gab zu verstehen, dass sie Emma nicht persönlich kennen würde, aber davon ausgeht, dass der Hund nicht ängstlich sei.
Es kam zum 1. Besuch in der Pflegestelle. Emma war uns gegenüber sehr reserviert. Sie wurde von der Besitzerin ins Haus zurück gescheucht. Heute weiß ich warum, Emma lässt sich bis heute nicht unter Druck setzen und hat eine sehr große Individualdistanz Menschen gegenüber. Das machte mich alles noch nicht stutzig. Emma ließ sich von uns im Haus nur widerwillig streicheln. Damals war ich noch keine ausgebildete Hundepsychologin und konnte ihre körpersprachlichen Signale und ihre Mimik absolut nicht deuten.
Zwischen dem 1. und dem 2. Besuch lagen ca. 1-2 Wochen. In dieser Zeit wurden wir von der Tierschutzorganisation madig gemacht. Emma hätte noch ganz viele Interessenten und ich hatte Angst sie nicht adoptieren zu können, denn ich hatte mittlerweile mein Interesse bekundet und wollte Emma zu uns holen.
Dann kam der Tag und wir holten sie ab. Wir bekamen nicht einen einzigen Hinweis darauf, dass sie ängstlich ist. Ich unterschrieb den „Schutzvertrag“ und übergab die Schutzgebühr. Beim Rausgehen und Händeschütteln erzählte mir dann die Pflegestelle: “Ach übrigens, der Hund hat blutigen Durchfall, das hier sind ihre Tabletten, die sie deshalb einnehmen muss“.

Heute weiß ich eben, dass Emma ein Hund mit Deprivationsschaden ist. Das bedeutet ganz grob gesagt, der Hund ist in einer reizarmen Umgebung aufgewachsen. Sie wurde im Straßengraben mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern gefunden. Wenn ein riesen LKW mit Getöse an uns vorbei fährt, zuckt sie noch nicht einmal zusammen. Werden wir allerdings von einem Fahrrad überholt, bedeutet das für sie schon wirkliche Impulskontrolle.
Emma musste an alles gewöhnt werden, sie flüchtete vor Allem und Jedem. Ich war total überfordert. Seit meinem 13. Lebensjahr hatte ich immer schon Hunde gehabt, jedoch noch nie einen ängstlichen/panischen Hund.
Jetzt hatte ich einen ängstlichen Hund, den ich nicht wollte und Emma wollte mich auch nicht.
Es begann ein ziemlich schwieriger Prozess für mich, nämlich Geduld zu haben und sich in Emma hineinzufühlen und sich in sie hinein zu versetzen. Alle anderen vier Hunde, die ich vorher hatte, waren ganz „normal“, sie funktionierten einfach und hatten vor nichts Angst. Ich brauchte mir nicht viele Gedanken um das Wohlergehen meiner Hunde zu machen. Nicht so bei Emma.
Auf der Suche nach Hilfe klapperte ich drei Hundeschulen ab. Alle drei besuchten Hundeschulen konnten nicht behilflich sein, mir zu erklären, wie ich einen Hund zu mir heranhole, der Angst vor Menschen hat.
Ich trainierte von nun an alleine. Je mehr ich mit Emma trainierte, desto schlimmer wurde unsere Verständigung, Je mehr ich von ihr erwartete, desto weniger war sie bereit, mit mir zu kommunizieren.
Es brauchte wahrlich etwas Zeit, bis ich verstand, dass sie ein Hund mit Gefühlen und Emotionen ist und kein trainierbarer Gebrauchsgegenstand. Natürlich wusste ich auch vorher schon, dass Hunde Gefühle haben. Aber, dass Hunde einen eigenen Willen haben, hatte ich bisher ausgeblendet. Meine anderen Hunde hatten natürlich auch einen eigenen Willen, sie kamen aber meistens problemlos, wenn ich sie rief.
Bei Emma war alles anders. Ich musste um Ihre Gunst buhlen, das war von Anfang an klar. Nachdem ich nun wusste, dass mir keine Hundeschule in Umkreis von 10 km helfen könnte, beschloss ich das, was schon lange fällig war. Ich absolvierte selber eine Ausbildung zur Hundepsychologin. Emma ist also diejenige, die meinen Wunsch, mit Hunden zu Arbeiten, verwirklichte. Während der Ausbildung verschlang ich noch zusätzlich unzählige Bücher von allen möglichen HundeexperInnen, auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Wie bekomme ich Emma dazu, dass sie zu mir kommt, wenn ich sie rufe?“ Alle möglichen Techniken wurden ausprobiert über Clicker, Methoden mit Ignorieren und Aufmerksamkeitstraining. Es funktionierte nichts so, wie man sich es als Hundehalter wünscht. Ich beschloss, eine Trainingspause einzulegen und war wesentlich entspannter, da ich nichts von Emma erwartete. Siehe da, sie guckte während des Spaziergangs oft zu mir, sie suchte während des Spaziergangs meine Nähe. Ich traute mich sie von der Schleppleine loszumachen und sie kam zu mir, als ich sie rief. Das waren Meilensteine für mich und Emma. Von nun an wuchsen wir mehr und mehr zusammen. Ich hatte sie endlich verstanden und war bereit alles zu akzeptieren, was sie mir mitteilte und was sie NICHT wollte. Dieses aufeinander Rücksichtnehmen ist für jede Mensch-Hund-Beziehung das Wichtigste überhaupt. Davon bin ich nun überzeugt. Emma vertraut keinem Menschen mehr als mir. Mittlerweile hat sie gelernt, dass Menschen nett zu ihr sind. Trotzdem lässt sie nicht jeden Menschen an sich heran. Es gibt eine kleine feine Auswahl von Menschen, die Emma streicheln dürfen. Sie kommt mir manchmal wie ein Wildhund vor. Wir in unserer Familie sind die Einzigen, die ihr das Geschirr anziehen dürfen. Selbst Menschen, die sie streicheln dürfen, können ihr nicht das Geschirr anziehen. Sie lässt es nicht zu. Emma hat mir ihr ganzes Vertrauen geschenkt, das macht mich ganz schön stolz.

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