Fairplay bei Hundebegegnungen

Stellen Sie sich vor: auf einem Spaziergang begegnen sich fremde Mensch-Hund-Teams.

Die Hundehalter sind umsichtig, nehmen den eigenen Hund frühzeitig an die Leine (falls er sich im Freilauf befindet), dann nähern sie sich dem Gegenüber an lockerer Leine in einem großzügigen Bogen. Die Hundehalter sprechen freundlich mit ihren Hunden, bieten ihnen Orientierung und Sicherheit. Währenddessen beobachten sie das Ausdruckverhalten ihres Hundes und das des Gegenübers und entscheiden bei einer stimmigen Gesamtsituation einander anzusprechen, ob ein Direktkontakt erwünscht ist.

Eine Variante wäre es, wenn ein Besitzer den anderen Hundehalter bereits von weitem aufgrund seines eigenen Verhaltens zu verstehen gibt, dass kein Kontakt erwünscht ist. Zum Beispiel nimmt er seinen Hund an die Leine und versucht eine größtmögliche Distanz herzustellen, oder er geht in die Gegenrichtung, hinter ein Auto, in eine Einfahrt, wendet dem anderen Team den Rücken zu, usw. und/oder er streut ggf. reichlich Futter auf den Boden. All dies zeigt wie offensichtlich kein Kontakt erwünscht ist, die Situation aber so stressfrei wie möglich gehalten werden soll. Unter Umständen wird auf Hördistanz die Bitte ausgesprochen, den fremden Hund an die Leine zu nehmen – und dies vom Gegenüber ohne Umschweife in die Tat umgesetzt.

Eigentlich sind beide Varianten super simpel und für alle Beteiligten, ob mit zwei oder vier Beinen, sehr angenehm.
Oder?

Leider zeigt die Realität häufig ein ganz anderes Bild und so werden Teams:

  • ungefragt in einen direkten Hundekontakt gedrängt.
  • mit Sätzen begrüßt wie: „Die machen das unter sich aus!“, „Hunde brauchen Sozialkontakte!“, usw.
  • mit Tipps und/oder Fragen konfrontiert, wenn der Hund die Art und Weise der Annäherung nicht verträgt und entsprechend reagiert.
  • in Diskussionen eingebunden, warum der Hund in die Leine zieht, meidet, bellt, usw.
  • als Auslöser an einer unerwünschten Reaktion bezichtigt, denn der Hund müsse „einfach nur abgeleint werden“, oder der Halter „mal richtig durchgreifen“.
  • angesprochen, dass sie keine Sorgen haben müssen, denn: „Der tut nix“ und „Der will nur spielen!“
  • bewertet, teilweise sogar beleidigt, und/oder sie erhalten den Ratschlag mal in eine Hundeschule zugehen.
  • mit den Hunden allein gelassen, weil das Gegenüber seinen Focus auf Handy und iPod gerichtet hat, anstatt auf den eigenen Hund.
  • mit dem Kommentar beruhigt, dass der eigene Hund dann eben lernen würde angeleinte Artgenossen in Ruhe zu lassen, wenn diese sich entsprechend verhalten.
  • teilweise sogar angezeigt, wenn ihr Hund abschnappt (wir sprechen in diesem Zusammenhang bewusst nicht von Beißvorfällen), weil er nicht „wesensfest“ sei.
  • in gewisser Hinsicht „verfolgt“, obwohl sie versuchen auszuweichen.
  • usw.

Die Begebenheiten sind vielfältig, ob auf dem Spazierweg, Parkplatz, vor einem Geschäft, der Tierarztpraxis, der Stadt, usw., aber der Ablauf in der Regel gleich: zu einem an der Leine befindlichen Hund geht oder läuft ungefragt ein unangeleinter Hund, oder ein angeleinter Hund nähert sich mit seinem Menschen im Schlepptau. Natürlich haben auch schon mehrere im Freilauf befindliche Hunde einen einzeln angeleinten Hund in die Bredouille gebracht, oder ein unangeleinter Hund eine an der Leine befindliche Hundegruppe.

Aber warum ist das so?
Wo sind der Respekt und die Toleranz geblieben?

Vielleicht liegt es daran, dass Hundebesitzer durch das gesellschaftliche Umfeld mit mehr Druck und weniger Freiräumen belegt werden, sie gewissermaßen „verlernt“ haben direkt miteinander zu reden, die Medien eine gewisse Sichtweise und Umgang mit Hunden publizieren und suggerieren, es immer noch in vielen Hundeschulen gelehrt wird einander frontal zu nähern, die Menschen ein Gefühl für die Natur und ihren Hund verloren haben, das Perfektionismus in Beziehungen und dem Sein groß geschrieben wird, usw.

Wir erinnern uns noch an Zeiten, in denen man sich zurief: „Rüde oder Hündin?“ Selbstverständlich ist das Geschlecht kein Garant für ein friedliches Zusammentreffen, aber immerhin suchten die Besitzer das Gespräch, um zu klären was nun sinnvoll ist.

In der Regel wird von Seiten der Menschen allerdings fast immer auf unfreundliche, bis hin zu strafender, Art und Weise auf die Hunde reagiert. (An dieser Stelle kann beliebig eingefügt werden, was jeder Einzelne für Strafe/Gewalt hält…)

Fazit und Fakt ist, sobald die Stimmung kippt, und dies teils körperlich für die Vierbeiner spürbar wird, haben beide  Hunde wieder einmal gelernt, dass Begegnungen nichts Gutes beinhalten. Und da reicht es bei manchem Hund aus, dass er mit ansieht, wie ein Artgenosse behandelt wird.

Aus Sicht des Hundes, der (noch) nicht jede Form der Annäherung verträgt, bedeutet es jedes Mal einen Rückschritt. Erinnerungen an ähnliche Situationen tauchen auf und erfolgreiche Strategien (meiden bis fliehen, einfrieren bis apathisch sein, verteidigen bis kämpfen, rumalbern) greifen. Die Ursachen sind mannigfaltig und sollen daher nicht Gegenstand dieses Artikels sein.

Dem im Freilauf befindlichen Hund geht es unter Umständen nicht besser. Von seiner Bezugsperson bekommt er in der Regel gar keine (es gibt genug Personen, die mit den Augen und Ohren gar nicht bei ihren Hunden sind) oder keine positive Rückmeldung oder Anweisung was er (stattdessen) tun soll. Alleingelassen in der Situation verhält auch er sich, wie es für ihn am erfolgversprechenden ist, bzw. was seine Erfahrungen mitbringen. Die Folgen für das Sozialverhalten und Lernen sind somit in der Regel sehr ungünstig.

Bleiben beide Hunde an der Leine, hört man eigentlich immer nur Warnungen wie: “FUSS!“,„NEIN!“, „HÖR AUF!“, „AUS!“, „LASS DAS!“ oder „PFUI ist das!“. Wäre es nicht schöner, ein positiv aufgebautes Umlenksignal zu verwenden? Oder ein ebenso positiv aufgebautes „Kein Hallo sagen.“ oder „Heute nicht.“ und den Hund mit einem Hör-und Sichtzeichen zum Weitergehen zu animieren? Stattdessen wird in die gute alte Schublade der Meidemotivation gegriffen, was ja auch einfacher ist, und den Hunden wird widererwarten zu verstehen gegeben, dass Hundekontakte eher unerfreulich sind – dank einer negativen Assoziation.

Wir sind der Meinung, dass ein Kontakt an der Leine sehr wohl funktionieren kann, wenn einige „Spielregeln“ eingehalten werden. Wie diese im Detail aussehen ist von Hund zu Hund und Situation zu Situation verschieden und würde bei weitem den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Aber ein wesentlicher Faktor ist das Ausdrucksverhalten. Es bildet den Schlüssel zum Verstehen und ist im Grunde unverzichtbarer Bestandteil, wenn man Hunde richtig einschätzen und damit fair führen möchte. Auf dieses spannende, zugegebenermaßen breite Fachgebiet, wagen sich allerdings die wenigsten. Damit wären hingegen so manch unschöne Begegnungen gar nicht erst entstanden. Wahrscheinlich fällt es oftmals schlicht und ergreifend leichter alles unter den Deckmantel der „Dominanz“ und “Rangordnung“ zu stecken. Einen Hund fair und respektvoll zu führen beinhaltet allerdings sehr viel mehr als nur nett zu ihm zu sein.

Vielleicht setzt sich die internationale Aktion „Gelber Hund“, auch „Gluahund“ oder „Yellowdog“ genannt, endlich durch. Sie setzt auf Prävention und Toleranz bei Hundebegegnungen. Dazu tragen Hunde, die einfach etwas mehr Freiraum als andere Hunde benötigen, eine gelbe Kennzeichnung (Tuch, Halsband, usw.) Mehr zu dieser Aktion unter: http://www.gulahund.se

Bis es soweit ist, freuen wir uns einfach über mehr Vorausschau und Rücksicht – zum Wohle für Mensch & Hund! :o)

Copyright © Susanne Rosenhäger und Stefanie Hansen, Friendship for DOGS, 25.April 2014

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