Hundeerziehung aus Sicht des Hundes – von wegen!

Einfach nur Hund sein … welcher Vierbeiner träumt davon nicht.
Doch aller Anfang ist schwer und manche Dinge müssen sich erst entwickeln. Doch letztendlich endete es gut und davon möchte ich Euch berichten:

Mein Name ist Costa, mittlerweile 5 Jahre alt und ich bin ein Labrador-Pointer-Irgendwas-Mischling. Mein Stammbaum ist nicht so ganz eindeutig, da ich von der Insel Zypern stamme. Ich bin im Tierheim geboren, war dann eine Weile bei einem englischen Offizier zu Hause, der mich aber nicht mitnehmen wollte, als er wieder nach England zurückbeordert wurde. Also kam ich wieder ins Tierheim. Eine Tierschutzorganisation hat mich dann zur Vermittlung nach Deutschland auf ihre Homepage gesetzt, wo Frauchen und Herrchen sich gleich in mich verliebt haben. Nach einem Vorstellungstelefonat und etlichen E-Mails bekamen beide den Zuschlag und ich durfte mit dem Flieger nach Hamburg kommen. Müde und ausgelaugt bin ich mit ihnen ins Auto und noch ein wenig weiter an die Westküste Nordfrieslands gefahren. Hier habe ich mein neues Zuhause bezogen.

Frauchen und Herrchen hatten es besonders gut machen wollen und haben sogleich eine örtliche Hundeschule kontaktiert, die dann zum Erstgespräch kam und mich begutachtet hat. Es wurde ein Trainingsplan erstellt und ich bekam schon bald die ersten Einzeltrainings. Da ich bisher noch nicht viel Erfahrung hatte, was Menschen so von mir wollen, fiel es mir recht schwer, immer das zu machen, was man von mir verlangte. Ich wollte so gern die Welt erkunden und alles erschnüffeln, Frauchen wollte aber lieber, das ich ordentlich bei Fuß an der Leine laufe, denn so hatte es der Hundetrainer gesagt. Ein kleiner Kampf entstand und manchmal musste ich nachgeben. Mir wurden Tricks beigebracht, die mir zwar Spaß machten, aber mich auch schnell überforderten. Manchmal wusste ich gar nicht so recht, was ich zuerst machen sollte und hab einfach alles abgespult, was ich drauf hatte. Leider hat es für mich auch oft unangenehme Momente gegeben: ich musste mich z. B. hinlegen und von allen Seiten kamen Menschen mit ihren Hunden auf mich zu. Am liebsten wäre ich aufgestanden und geflüchtet – aber ich durfte nicht. Denn der Hundetrainer hatte es meinem Frauchen so gesagt. Ich durfte nicht bellen, nicht rennen und sollte eigentlich immer nur funktionieren. Das war eine traurige Zeit. Weil es für mein Frauchen (und auch Herrchen) und den Hundetrainer so aussah, als wollte ich nicht hören, wurden verschiedene „Hilfs“mittel eingesetzt. Man schmiss mit Schellen nach mir, um mich zu erschrecken, ich bekam einen Halti aufgezwungen, damit ich nicht mehr vorne an der Leine ziehe, man hat mit Rappeldosen geschüttelt und mit Wasserpistolen auf mich geschossen. Nur damit ich die Dinge, die ich gerne mache, oder aus meiner Sicht völlig normal sind, nicht mehr mache. Das alles hat mich nur noch mehr verunsichert. Mein Frauchen, die hauptsächlich mit mir trainiert hat, war irgendwann ganz schön böse auf mich und traurig. Sie hat oft auf dem Hundeplatz geweint, weil sie dachte, ich wollte sie ärgern. Dabei behagte mir die Situation einfach nicht. Ich wollte doch einfach nur ein toller Hund an ihrer Seite sein. Gemeinsame Spaziergänge mit ihr machen, Dinge erleben und erschnüffeln. Aber weil der Hundetrainer es sagt, wollte Frauchen ganz andere Sachen von mir. Schließlich müssen Hunde das so machen. Auch den Hundeführerschein habe ich absolvieren müssen, weil der Hundetrainer es gesagt hat. Doch zur Zeit der Ausbildung hat mein Frauchen schon mit sich gerungen, ob das alles der richtige Weg ist. Sie sagte mir so oft, dass sie mich sehr lieb hat, warum also musste ich den ganzen Kram machen, wenn er sie doch so traurig stimmt? Die Prüfung für den Hundeführerschein haben wir beide gut gemeistert. Ich bekam eine kleine Rüge vom Prüfer, weil ich in der Stadt einen anderen Hund angebellt habe (dabei war der einfach nur doof und ich wollte an dem nicht vorbeilaufen). Mein Frauchen hat das Ganze sehr geschafft und immer mehr kam sie ins Grübeln.

Und dann kam der Tag, auf den ich schon eineinhalb Jahre gewartet hatte … sie wollte einfach nicht mehr machen, was der Hundetrainer ihr sagt. Sie hat das Training in der Hundeschule beendet. Juhu … das war ein toller Tag für mich. Ich musste nicht mehr auf diesen Hundeplatz und mit anderen Hunden trainieren, die ich nicht mal alle mochte.

Aber: zu früh gefreut. Mein Frauchen stöberte gleich im Internet nach einer neuen Hundeschule. Denn der Gedanke, dass ich immer noch ein unerzogener Hund war, der blieb. Dann kam die neue Hundetrainerin zum Erstgespräch, um Frauchen, Herrchen und natürlich mich kennenzulernen. Und ich muss sagen, das war ganz anders als beim ersten Mal. Sie brachte mir ein Kauspielzeug mit, dass gefüllt war mit leckeren Sachen. Und wenn ich mehr haben wollte, bekam ich auch mehr. Sie streichelte mich und beobachtete mich. Sie hat lange mit Frauchen und Herrchen gesprochen und fast 3 Stunden Fragen gestellt und beantwortet. Ich fing langsam an mich zu entspannen und beobachtete die Hundetrainerin aus meinem Körbchen aus. Die machte einen ganz anderen Eindruck. Ich war gespannt und doch auch ein bisschen unsicher. Ich wollte nicht mehr, dass man mit mir schimpft, mich anschreit oder mit irgendwas bewirft. Nie mehr!

Frauchen und Herrchen waren jedoch so begeistert von dem tollen Gespräch, dass sie einen neuen Anfang starten wollten. Und ich hab nicht schlecht gestaunt, als sie beim ersten Training der netten Hundetrainerin die Schellen, den Halti und alle anderen bösen Sachen abgegeben haben. Es kann also nur besser werden, dachte ich. Und Leute, glaubt’s mir, es wurde besser. Man machte ganz andere Sachen mit mir. Ich bekam ein Umlenkgeräusch (mein Frauchen schnalzt, wenn sie nach meiner Aufmerksamkeit verlangt) und ein Markerwort (zur Bestätigung, wenn ich was gut gemacht habe). Und ich habe viel gut gemacht … denn nach jedem Markerwort gibt es ein Leckerchen und ich habe ne ganze Menge Leckerchen abgekommen (heute sind es sogar noch mehr ;-)). So haben wir angefangen neu zu trainieren. Und wisst Ihr was? Mein Frauchen war plötzlich viel entspannter. Sie hatte keinen Grund mehr zum Weinen, weil doch alles so gut klappte. Es macht ja auch Spaß, wenn man auf eine nette Art und Weise gebeten wird, etwas zu tun. Dann macht man es auf jeden Fall lieber. Wir haben in den nächsten Wochen und Monaten viel neues Vertrauen erarbeitet. Wir waren nicht auf einem Hundeplatz, sondern überall, wo man sonst so unterwegs ist. Oft haben wir in einer ruhigen Umgebung gearbeitet, haben Begegnungstrainings mit anderen Hunden gemacht und so konnte ich lernen, dass nicht alle anderen Hunde aufdringlich, erschreckend oder gemein sind. Sondern es gibt auch sehr nette Hundefreunde, mit denen ich mich mittlerweile regelmäßig treffe. Mehr und mehr habe ich mich auch wieder auf Frauchen eingelassen, habe mein Vertrauen an sie zurückgegeben (und sie ihrs an mich) und gedacht, „die macht das schon“. Nicht alle Situationen meistere ich 100%ig gut, denn ich habe einfach schon viele unschöne Situationen erlebt, die mir manchmal noch Angst machen. Aber ich laufe mit bekannten Hunden schon mit geringem Abstand und auch zu fremden Hunden wird der Abstand immer kleiner. Sogar ohne Leine kann ich spazieren gehen und so eröffnen sich mir völlig neue Möglichkeiten. Aber trotzdem bin ich ein recht unsicherer Hund und neige dazu, schon mal in den Angriff zu gehen, wenn mir etwas nicht behagt. Ich habe noch nie jemanden verletzt, aber man sagt ja immer, Angriff ist die beste Verteidigung. Was ich aber nicht wusste, ist, dass mein Verhalten auch an den Schmerzen lag, die ich immer hatte. Die nette Hundetrainerin hat mein Herrchen und mein Frauchen darauf aufmerksam gemacht, dass mit meinem Gangbild etwas nicht stimmt. Also musste ich zum Tierarzt. Keine schöne Sache, aber ich wurde in Narkose gelegt und geröntgt. Und tatsächlich … man stellte eine Hüftdysplasie (HD) in beiden Seiten fest. Das musste unbedingt behandelt werden und somit bekam ich eine Goldakupunktur. Und stellt Euch mal vor, mir ging es in kürzester Zeit besser. Mein Gangbild ist immer noch ein wenig unnormal, aber was ist heutzutage schon normal. Wichtig ist, dass meine Schmerzen deutlich reduziert sind und ich mich nicht mehr so verkrampfen muss. Ich bin viel entspannter als früher und komme auch schneller zur Ruhe.

Und das wiederum hat sich wieder auf Frauchen und Herrchen übertragen und somit läuft das Training noch entspannter als vorher und ich freue mich richtig drauf. Nun kann ich auch unterwegs, im Training, zu Hause oder wo auch immer, mich entspannt in die Situationen begeben. Ich kann mich auf mein Frauchen verlassen (auf mein Herrchen natürlich auch), denn ich fühle mich wohl. Und auch alle anderen Situationen, die mir noch Angst machen, werde ich zukünftig meistern können, denn wir haben einen tollen Weg gefunden, dies zu lernen.

Mittlerweile habe ich auch eine Hundefreundin, die mich an meiner Seite durchs Leben begleitet. Gott sei Dank, konnte sie gleich auf diese nette Art und Weise lernen und musste nicht den ganzen Blödsinn mitmachen, wie ich. Wir sind alle vier (naja, den Kater müssen wir wohl auch mit dazu zählen, also fünf) ein super Gespann und wünschen uns noch ein paar tolle gemeinsame Jahre. Natürlich auch gerne zusammen mit der netten Hundetrainerin.

Was ich auch nicht unerwähnt lassen möchte, ist, dass ich natürlich auch eine super gute Ernährung genieße (diese jedoch schon von Anfang an). Mein Frauchen barft uns (und die hat echt Ahnung davon). Das wirkt sich natürlich auch sehr auf das Verhalten aus. Manchmal hilft es schon, wenn man nicht dieses olle maislastige Trockenfutter im Napf hat, sondern etwas Gesundes und Ordentliches.

So, nun aber zu der Moral von der langen Geschicht‘: ich bin froh, dass ich ein Herrchen und ein Frauchen habe, die durch eine nette Hundetrainerin einen Schubs in die richtige Richtung bekommen haben. Sie vertrauen nun auch auf mich und sehen in mir den tollen Hund, der ich schon immer war. Der Einfluss von außen macht sehr viel aus, für den Umgang mit Mensch und Hund. Und leider sehen manche nur mit einem Auge. Wir Hunde wollen aber mit beiden Augen gesehen werden. Denn auch wir haben schlechte Situationen erlebt, haben Beschwerden oder auch einfach mal nicht so gute Tage. Wir haben Gefühle und Bedürfnisse und wollen ernst genommen werden. Warum gibt man uns nicht die Zeit, die wir brauchen, um uns zu entwickeln, so, wie wir es leisten können?

Leute, ich wünsche Euch, dass auch Euer Frauchen und/oder Herrchen so einen Schubs bekommen und umdenken. Pfoten hoch!
Gruß, Euer Costa

Copyright © Stefanie Hansen (Hundezentrum Nordfriesland), Friendship for DOGS, 11.Juni 2014

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