Mitgefühl erforderlich!

Kürzlich besuchte ich ein Seminar zum Thema „Deprivation bei Hunden“.

Ich habe ja selber einen Hund, auf den genau das Thema zutrifft, zu Hause, weshalb ich natürlich sehr interessiert war. Einerseits war ich neugierig, wieder ein paar neue Anregungen zu erhalten, Bestätigung und neue Motivation zu finden, andererseits wollte ich andere Menschen treffen, die auch mit einem deprivierten Hund leben.

Ich habe alles bekommen: neue Ideen, die Bekräftigung, auf dem richtigen Weg zu sein, und ich habe Frauen getroffen, die eine ähnliche oder viel schwierigere Bürde zu tragen haben. Wir alle, die wir mit Hunden leben, die schon sehr früh schwere Traumata erfahren mussten, haben einiges gemeinsam. Wir zeigen sehr viel Empathie für unsere Hunde und stehen gleichzeitig unter starkem Druck seitens der Gesellschaft.

Da kommt dieser liebe Hund in unser Leben – und alle sind begeistert. Er ist ja ach so arm, weil er in einem engen Käfig ohne Außenreize aufwachsen musste, er kommt aus einer schlechten Haltung und hat dort schreckliche Dinge erlebt usw. Dann stellt sich heraus, dass dieser wunderbare Hund in einigen oder mehreren Bereichen ein Manko hat. Er bellt ständig, er fürchtet sich vorm Spazierengehen, er kann nicht ins Familienleben integriert werden, man kann nur nachts mit ihm Gassi gehen, weil er keine Hundebegegnungen erträgt, und vieles mehr. Bald sind Freunde und Familienmitglieder zur Stelle, um uns zu erklären, wie unmöglich doch unser Hund sei. So hören wir Sätze wie: „Du musst ihm klare Grenzen setzen.“ Oder: „Es wäre besser, du gibt ihn wieder zurück.“ Oder aber: „Du musst ihn nur ordentlich erziehen.“ Die sogenannten Ratschläge sind nicht enden wollend und für mein Verständnis nicht sehr hilfreich. Weder tun sie dem Hund gut, noch gehen sie auf die Bedürfnisse des Besitzers ein.

Wir müssen nun unsere Energie auf zwei Fronten aufteilen: an der für den Hund, der Schutz, Fürsorge und unser ganzes Verständnis braucht. Die andere Front betrifft unsere Freunde und/oder Familie, die nach geraumer Zeit wenig bis gar kein Verständnis mehr zeigt. So schlittern wir alle in eine gewisse Isolation. Die Menschen um uns herum haben kaum Verständnis für unsere Situation, weder für uns noch für unseren Hund – und schon gar nicht für unseren Beschützerinstinkt. Es ist doch nur ein Hund – der wird das schon noch lernen. Dass es genau so ist, habe ich bei diesem Seminar gelernt. Ich war nicht alleine mit der Erkenntnis. Nein, da waren so viele andere, die bereits ähnliche Situationen und Gefühle durchlebt haben.

Was heißt denn Deprivation/Deprivationssyndrom, und was sind Deprivationsschäden?

Deprivation [von lat. de- = ent-, weg- und privare = berauben]: beschreibt in der Psychologie einen Zustand der Entbehrung und des Mangels, wobei verschiedene Arten von Deprivation unterschieden werden. Bei der sozialen Deprivation werden Betroffene sozial ausgegrenzt, bei der sensorischen Deprivation werden Außenreize vollkommen ausgeschaltet, und bei der emotionalen Deprivation werden Betroffene emotional vernachlässigt.[1]

Deprivationssyndrom: Verhaltensstörungen, die als Folge sozialen Erfahrungsentzugs auftreten, z.B. Apathie, große Unruhe, Stereotypien (zwanghafte monotone Bewegungen) und schwere Störungen im normalen Sozialverhalten. – Alle höheren Säuger sind in ihrer Entwicklung auf das Vorhandensein sozialer Kontakte angewiesen. Fehlen die mütterliche Pflege und Betreuung, so treten schwere Verhaltensstörungen auf.[2]

Deprivationsschäden: Wird ein Lebewesen mit ausgeprägtem Sozialverhalten über längere Zeit von der Außenwelt isoliert, kommt es zu einem Erfahrungs-Lern-Entzug, wodurch verschiedene Verhaltensstörungen auftreten. Diese werden als Deprivationsschäden bezeichnet.[3]

Sobald ich mir diese Definitionen klar vor Augen halte, wird mir klar, dass ein Hund mit Deprivationsschäden viel Leid erfahren hat. Wenn ich als Hundebesitzer solch einen Hund zusätzlichem Druck aussetze, indem ich versuche, ihn z.B. zu erziehen, so verstärke/verschlimmere ich sein Leid nur. Das kann daher keinesfalls das Ziel sein.

Tamina13Mein persönliches Ziel ist es, mit meiner Hündin vielleicht in Zukunft einmal in Ruhe spazieren gehen und an fremden Menschen vorbeigehen zu können, ohne dass sie gleich in Panik gerät. Dieses Ziel kann ich jedoch nur dann erreichen, wenn ich ihr genügend Zeit lasse, all die Dinge nachzuholen, die sie in der Zeit, bevor sie zu mir kam, nicht lernen konnte. Natürlich wird das Lernen jetzt, da sie erwachsen ist, länger dauern. Sie hatte nie die Chance, sich mit Neuem vertraut zu machen. Sie konnte keine Strategien entwickeln, gelassen mit neu Erlerntem umzugehen. Manches wird sie nie lernen, aber wir sind gemeinsam auf einem Weg, der unser beider Leben bereichert. Sie darf Erfahrungen machen, die ihr in jungen Jahren nicht erlaubt waren. Sie kann lernen, dass sie sich auf mich – einen Menschen – verlassen kann, sie darf mir vertrauen. Dies ist der wichtigste Lernschritt im Leben eines deprivierten Hundes: Vertrauen zu haben. Um Vertrauen entwickeln zu können, muss ich mich voll und ganz auf meinen Hund einlassen, meinem Bauchgefühl folgen und auch mal fünfe gerade sein lassen.

All jenen, die solch einem deprivierten Hund ein liebevolles Zuhause geben, möchte ich Folgendes sagen: Ihr habt meinen Respekt und meine Achtung. Bitte holt euch professionelle Hilfe von Menschen, die Verständnis für euch und den Hund haben. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Auch wenn ich mit meiner Hündin noch lange nicht am Ausgang angekommen bin, so weiß ich, dass sie heute ein Leben ohne ständige Angst lebt und sie riesigen Spaß dabei hat, mit wehenden Ohren über eine Wiese zu galoppieren. Die Chance, ihr dies ermöglichen zu können,  macht mir die größte Freude.

Vielen Dank an Beate Soltész von http://www.traumhund.at, die Birgit Laser mit dem Thema „Leben will gelernt sein – Deprivation bei Hunden“ nach Wien eingeladen hat.

Autorin: Patricia Bisztron, Verhaltensberaterin

[1] Quelle: http://lexikon.stangl.eu/88/deprivation/ © Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik
[2] Lit.: Hassenstein, B.: Verhaltensbiologie des Kindes. München 1987.
[3] http://www.thp-foren.de/psychologie/deprivationsschaden
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